Dramatisch, expressiv. Mary Wigman gilt als Schöpferin des Freien Tanzes. Im ausgehenden Kaiserreich kreierte die Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin den Ausdruckstanz und überwand damit das bis dato dominante klassische Ballett. Als Mary Wigman gelangte sie zu Weltruhm, aufgewachsen war sie als Marie Wiegmann im Angesicht der Marktkirche in Hannovers Altstadt. Ab 1919 begeisterte sie bei ihren zahlreichen Tourneen auch das hannoversche Publikum, zum Beispiel im Opernhaus an der Georgstraße.
Am 13. November 1886 wurde Marie Wiegmann in Hannover als Tochter des Kaufmanns Heinrich Wiegmann und seiner Frau Amalie geboren. Schon als Kind rief die Familie sie Mary und brachte damit ihre Welfentreue zum Ausdruck. Mit 14 Jahren beendete Mary die Höhere Töchterschule. Es folgten Auslandsaufenthalte in England und der Schweiz.
Die Familie verließ 1905 die Altstadt und wohnte fortan im bürgerlichen Stadtteil List. 1910 bis 1912 ließ Mary sich an der neu gegründeten Schule von Émile Jaques-Dalcroze in Dresden-Hellerau ausbilden und schloss mit einem Diplom als Lehrerin der Rhythmischen Gymnastik ab.
Schon als junges Mädchen strebte Mary Wigman danach, etwas Eigenes zu entwickeln, wollte sich nicht an den bürgerlichen Konventionen orientieren. Zweimal löste sie eine Verlobung wieder auf. Die Ausbildung zur Rhythmiklehrerin bei Jaques-Dalcroze in Dresden-Hellerau brachte sie in Kontakt mit anderen Suchenden. Doch die hier gelehrte rhythmische Gymnastik schränkte ihren Freiheitsdrang zu sehr ein. Erst 1913 in der Künstlerkolonie am Monte Verità, fand sie den ersehnten freien Tanz. Getanzt wurde in der freien Natur, ohne Musik oder nur von einfachen Rhythmusinstrumenten begleitet. Mary Wigman war begeistert und schloss sich der Schule des Tanzpioniers Rudolf von Laban an.
Der Ausdruckstanz revolutionierte im 20. Jahrhundert die Welt des Tanzes. Mary Wigman ist eine seiner bekanntesten Vertreterinnen. Wigman befreite sich tanzend von vordefinierten Ballettschritten und -posen, stattdessen suchte sie einen individuellen tänzerischen Ausdruck. Der Körper war ihr Instrument. Sie setzte den Expressionismus in Bewegung um, wie der Maler Oskar Kokoschka formulierte.
Mary Wigman tanzte aus innerer Notwendigkeit und erfand immer neue tänzerische Gestaltungen für ihr seelisches Erleben. Der Gegensatz zum klassischen Ballett konnte kaum größer sein: hier der Spitzentanz, bei dem die Tänzerin leicht und elfengleich schweben soll, dort Mary Wigmans energische und dynamische Bewegungssprache. Manche Menschen reagierten mit glühender Bewunderung, andere empfanden ihre Darbietungen als verstörend, „zu männlich“, hässlich.
Als Pionierin gilt Mary Wigman nicht zuletzt, weil sie bereits 1914 erste Tänze ohne Musik aufführte. Das Tanzen war für sie nicht Übertragen von Musik in Bewegung, sondern eine autonome Kunstform. Im Jahr 1918 begann Mary Wigman eine eigenständige Karriere. Ihre erste Tournee durch Deutschland führte sie nach München, Berlin, Hannover, Bremen, Hamburg, Nürnberg und Dresden.
In ihrer Heimatstadt scheinen die Auftritte zunächst noch vor kleinem Publikum stattgefunden zu haben, bei den Gastspielen in Hamburg und Dresden feierte sie schon erste Erfolge.
Nach dem Ersten Weltkrieg standen fundamentale gesellschaftliche und politische Umwälzungen an. Jetzt war die Zeit auch reif für Mary Wigmans neue Tanzsprache. 1917 bis 1918 trat sie in der Schweiz mit ersten Solotänzen auf, lebte in Zürich, internationalisierte ihren Namen und nannte sich seitdem Wigman. 1919 führte sie eine erste Solotournee durch Deutschland. In Dresden wurde Mary Wigman umworben und gründete hier 1920 zusammen mit Berte Trümpy eine Tanzschule. Wenig später bildete sie eine vierköpfige Kammertanzgruppe, die sie später zur Wigman-Tanzgruppe erweiterte.
Mit der Gründung ihrer Tanzschule in Dresden begann für Mary Wigman eine Zeit rastlosen Schaffens. Sie baute die Schule auf, erarbeitete neue Tänze, ging auf Tourneen, sie unterrichtete in ihrer Tanzschule und trat mit der Kammertanzgruppe auf.
Die Tanzgruppe war dabei insbesondere mit der Choreografie „Die sieben Tänze des Lebens“ erfolgreich, die auch in Hannover aufgeführt wurde. Begleitet von vier Tänzerinnen, stand Mary Wigman als Solistin im Zentrum dieser Darbietung. Die Titel der Tänze – Tanz der Sehnsucht, Tanz der Liebe, Tanz der Lust, Tanz des Leides, Tanz des Dämon, Tanz des Todes, Tanz des Lebens – verweisen auf ihre Programmatik als Künstlerin. Sie wollte im Tanz menschliches Sein und Schicksal, eine universale Verfasstheit des Menschen zum Ausdruck bringen und gestalten. Die Kritik lobte besonders auch ihre Beherrschung und Gestaltung des Raums.
In der Schule wurde Mary Wigman bald von ihrer jüngeren Schwester Elisabeth (1894 -1981) unterstützt. Diese zog von Hannover nach Dresden, um bei den alltäglichen Abläufen in Haus und Büro mitzuarbeiten. Bald unterrichtete sie außerdem in den Kursen für Laien und Kinder. Die Wigman-Schule wurde so zum Zentrum des Ausdruckstanzes in Deutschland und zog Schülerinnen und Schüler aus dem In- und Ausland an.
Der Gruppentanz wurde zu einem wichtigen Bestandteil der choreografischen Arbeit Mary Wigmans. Besonders das abendfüllende Stück „Szenen aus einem Tanzdrama“ kann als ein Meilenstein angesehen werden, es begründete den künstlerischen Gruppentanz in Deutschland. In der Choreografie „Tanzmärchen“, die auch am Städtischen Opernhaus Hannover gezeigt wurden, entwickelte sie eine durchgehende Handlung. Die Gruppe tanzte in aufwändigen, fantasievollen Kostümen.
Die Tanzgruppe wuchs an: 1923 standen vierzehn, später bis zu zwanzig Tänzer*innen auf der Bühne. Solo- und Gruppentourneen führten Mary Wigman durch Deutschland und in das europäische Ausland. In der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre entwickelte sie neuartige Tänze, in denen die Tänzer*innen Masken tragen. Auch ihr berühmter Hexentanz entstand in dieser Zeit. 1928 musste Mary Wigman jedoch ihre Gruppe auflösen. Umbau und Erweiterung der Dresdener Schule hatten den Etat zu stark beansprucht.
Mary Wigman wollte als Pädagogin keinen Tanzkanon lehren, sondern allen Tanzenden den Raum öffnen, den eigenen Tanz zu entwickeln. Ihre Gruppentänze entwickelte sie aus der Wechselbeziehung zwischen Choreografin und Tänzer*innen: Sie entstehen durch das bewusste Einbringen der verschiedenen Persönlichkeiten in den Tanz. Gespeist von den Ideen der Lebensreform und den gesellschaftlichen Umwälzungen wollten immer mehr Menschen sich nach ihrem eigenen Antrieb bewegen und tanzen.
Wigman-Schulen förderten den Laientanz in Deutschland. Mary Wigman wurde daher auch als eine wichtige Wegbereiterin des Laientanzes angesehen. Die Tanzbewegung korrespondierte mit der expressionistischen Botschaft, dass Individualität zählt, viele – prinzipiell alle – Menschen ihre Empfindungen zum Ausdruck bringen und kreativ sein können. Von Anfang an gab es aber auch kritische Stimmen zu Mary Wigmans Tanzkunst. Manche sahen die expressionistische Überhöhung, ihr Pathos, als überholt an.
Ende der Zwanziger Jahre hatte die Wigman-Schule in Dresden etwa 360 Schüler*innen. In den zahlreichen Filialen in anderen Städten gab es über 1.200 Teilnehmer*innen in Kursen für Professionelle und Laien („Dilettantenkurse“). Zwischen 1919 und 1939 gab Mary Wigman immer wieder Gastspiele auf hannoverschen Bühnen. Anfang der Dreißiger Jahre wurde schließlich auch in Hannover ein Wigman-Studio eröffnet.
Mary Wigman unternahm 1930 bis 1933 drei Tourneen durch die USA, wo sie als Protagonistin des „New German Dance“ gefeiert wurde. Als sie zurückkehrte, war Adolf Hitler an der Macht. Wigman zeigte bei der Eröffnung der Olympiade 1936 in Berlin ihre Choreografie „Totenklage“ mit 80 Tänzerinnen. Anfangs protegiert, verlor sie allerdings zunehmend an Rückhalt bei den nationalsozialistischen Machthabern. 1942 musste Wigman die Schule in Dresden verkaufen. Sie zog nach Leipzig und eröffnete erst nach dem Zweiten Weltkrieg erneut eine Schule für Tanz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg unterrichtete Mary Wigman in Leipzig zunächst in improvisierten Räumlichkeiten. Als die Schule in Leipzig verstaatlicht werden soll, entschied Wigman sich 1949 dafür, in West-Berlin ein neues Tanzstudio aufzubauen. Sie eröffnete im Stadtteil Dahlem mit Marianne Vogelsang ein neues Tanzstudio, das sie bis 1967 leitete.
Im Jahr 1953 stand Mary Wigman ein letztes Mal selbst auf der Bühne. Die Stadt Hannover gratulierte ihr zu ihrem 70. Geburtstag und sprach eine offizielle Einladung aus. Wenige Monate später folgte die Künstlerin der Einladung und besuchte Hannover. Bei einem festlichen Empfang im Neuen Rathaus trug sie sich in das Goldene Buch der Stadt ein.
Wigman erhielt 1957 das Bundesverdienstkreuz. In diesem Jahr feierte sie noch einmal einen großen Triumph mit ihrer Choreografie für Le Sacre du Printemps von Igor Strawinsky bei den Berliner Festwochen. Auch zum 60. Geburtstag von Yvonne Georgi 1963 reiste Mary Wigman nach Hannover.
Erst mit über 80 Jahren zog sie sich aus dem Tanzstudio zurück. Am 18. September 1973 starb sie in Berlin und wurde im Familiengrab in Essen beigesetzt.
1989 wurde in Hannover-Bothfeld eine Straße nach ihr benannt. Im Jahr 2009 brachte die Stadt an ihrem Geburtshaus in der Schmiedestraße auf Initiative des Landesfrauenrates Niedersachsen und der städtischen Gleichstellungsbeauftragten ihr zu Ehren eine Tafel an.
Der Ausdruckstanz wurde 2014 in das deutsche Verzeichnis des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen.
> Flyer zum frauenORT Mary Wigman zum Download
Mehr Informationen zum frauenORT Mary Wigman auf der
> Website der Stadt Hannover
Stadtteilführung
Mary-Wigman-Führung "Nun sagen Sie das einmal mit ihrem Körper"
Mary Wigman, Yvonne Georgi und der Ausdruckstanz.
Infos und Termine:
stadtteilzentrum-lister-turm@hannover-stadt.de
Tel.0511 168- 42402
Anfragen für Gruppenführungen:
Monika.Sonneck@t-online.de
Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Mary Wigman. Eine Hommage
Faltblatt für selbstorganisierte Touren > Download HIER.
Weitere Informationen:
Gleichstellungsbeauftragte@Hannover-Stadt.de
Stadtführung
Frauen an der Leine
Ein Spaziergang durch die City führt Sie auf die Spuren bekannter und weniger bekannter hannoverscher Frauen. Sie begegnen Kurfürstin Sophie und der Astronomin Caroline Herschel, und: Sie erfahren, was die Künstlerin Nike de Saint Phalle und die Choreografin und Tänzerin Mary Wigman mit Hannover verbindet.
Dauer: ca. 2 Std.
Anfragen und Anmeldung bei
> Stattreisen Hannover e.V. oder Tel. 0511 169 4166
Gedenktafel für Mary Wigman
Schmiedestraße 18
Der frauenORT Mary Wigman in Hannover wurde in Kooperation mit dem Referat für Frauen und Gleichstellung der Stadt Hannover im April 2009 eröffnet.