Selbst- und klassenbewusst, so setzte sich Ruth Müller als Betriebsrätin und Gewerkschafterin für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Kolleginnen ein. Sie musste miterleben, wie die Industriearbeit von Frauen als sogenannte Leichtlohngruppe herabgesetzt wurde und gerade die Textilarbeiterinnen zu den ersten gehörten, deren Arbeitsplätze zu Hunderttausenden ausgelagert wurden. Ruth Müller war alleinerziehende Mutter und in Vollzeit erwerbstätig. Der Kampf für eine gerechtere Lebens- und Arbeitswelt, gerade für Frauen, war für sie bis zu ihrem Lebensende ein zentrales Anliegen. Das spiegelte sie auch noch als Rentnerin und beliebte Gästeführerin des Industriemuseums in Delmenhorst – ihrer ehemaligen Arbeitsstätte – wider.
Ruth Müller war eine Fabrikarbeiterin, Gewerkschafterin und Betriebsrätin in Delmenhorst und steht damit beispielhaft für eine politisch engagierte Arbeiterin nach dem zweiten Weltkrieg in einer Industriestadt in Norddeutschland.
Ihr Weg als Industriearbeiterin in einer der größten Wollkämmereien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war zum Zeitpunkt ihrer Geburt kaum vorauszusehen. Als Ruth Leowsky wurde sie am 17. Dezember 1922 in Niederschlesien geboren, wo ihre Eltern ein Hotel betrieben. Während des zweiten Weltkrieges kam sie bereits 1941 erstmals nach Delmenhorst. Im Rüstungsbetrieb Weser-Flugzeugbau GmbH, kurz „Weserflug“, arbeitete sie in der Herstellung von Flugzeugen.
In Delmenhorst lernte Ruth Leowsky ihren zukünftigen Mann kennen, heiratete ihn im September 1942 und bekam das erste gemeinsame Kind 1943, dem zwei weitere folgten. Während des Krieges kehrte sie in ihre schlesische Heimat zurück, um ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters im elterlichen Hotelbetrieb zu helfen. Gemeinsam flüchteten sie 1946 nach Delmenhorst, jedoch erreichte nur Ruth Müller den Zielort. Während der Flucht wurde ihre Mutter vermisst und es wird vermutet, dass sie ums Leben gekommen ist.
Von 1947 bis 1948 arbeitete Ruth Müller das erste Mal im Betrieb der „Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei in Delmenhorst (NW&K)“, unter den Delmenhorstern „Nordwolle“ genannt. Der Betrieb war 1884 in Delmenhorst gegründet worden und verarbeitete zeitweise ein Viertel der Weltproduktion an Rohwolle. Sie war in dieser Zeit die erste Frau im Betriebsrat, zog mit ihrer Familie aber aufgrund der Berufstätigkeit ihres Mannes in den 1950er Jahren nach Bottrop.
1960 kam die Familie wieder nach Delmenhorst zurück. Seitdem arbeitete Ruth Müller mehr als 20 Jahre bei der Nordwolle. Sie engagierte sich als Betriebsrätin und Gewerkschafterin der Gewerkschaft Textil-Bekleidung. Die Nordwolle war sehr stark durch die Berufstätigkeit von Frauen geprägt, der Anteil der weiblichen Beschäftigten lag bei etwa 40-50%. Die meisten Frauen übten Tätigkeiten in verschiedenen Produktionsprozessen aus, leitende Positionen wie die der Vorarbeiter, der Meister und der Obermeister wurden in der Regel von Männern bekleidet. Die Gewerkschafterin Ruth Müller vertrat insbesondere die Rechte der dort tätigen Frauen und setzte sich somit für frauenpolitische Belange ein.
Während ihrer langen Betriebszugehörigkeit arbeitete Ruth Müller in fast allen Produktionsbereichen. Sie war im Mischraum tätig, wo die farbige Wolle gemischt wurde, sie arbeitete in der Facherei, in der die Einzelfäden zum mehrfädigen Garn gedreht wurden, sie stellte die Rezepte für die Färberei zusammen und arbeitete schließlich in der Verwaltung, wo sie für die Anfertigung der Muster verantwortlich war und die Musterkoffer für die Vertreter ausstattete. Ruth Müller kannte die Nordwolle in all ihren Facetten und blieb bis zur Schließung 1981 als Arbeiterin dort. Danach arbeitete sie zwei Jahre bei der Nachfolgefirma.
Als Betriebsrätin und Gewerkschafterin in einem Betrieb, dessen Belegschaft durch einen hohen Frauenanteil geprägt war, kann ihre Tätigkeit für die arbeitenden Frauen nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie war Mitglied im Arbeitskreis „Frauen des Deutschen Gewerkschaftsbundes“ und vertrat selbstbewusst ihre Position. Zugleich musste sie während ihrer Berufstätigkeit miterleben, wie die Industriearbeit von Frauen als Leichtlohngruppe klassifiziert wurde und die Arbeitsplätze der Textilarbeiterinnen später in Niedriglohnländer ausgelagert wurden.
Doch nicht nur die berufstätigen Frauen lagen ihr am Herzen. Als 1987 der Förderkreis Industriemuseum gegründet wurde, wurde sie Mitglied und setzte ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Begeisterung für die Nordwolle als Mitglied ein. Als Museumsführerin und Zeitzeugin wirkte sie von 1996 bis 2004 im Industriemuseum, dem Ort, an dem sie ihr berufliches und politisches Engagement bereits während ihres Berufslebens eingebracht hatte.
Sie starb am 20. September 2008 in Delmenhorst.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
Frauenarbeit auf der Nordwolle – Ausstellung frauenORT Ruth Müller
Die Führung zur Ausstellung beinhaltet einen Rundgang durch das Museum und über das ehemalige Fabrikgelände. Ausgehend von der Geschichte Ruth Müllers werden die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiterinnen der Nordwolle erzählt. Zahlreiche authentische Maschinen in der Dauerausstellung des Museums verdeutlichen die Arbeitssituation in der Fabrik. Der Geländerundgang vermittelt anhand der historischen Gebäude einen Eindruck von der einstigen Größe dieser Industrieanlage.
Nordwestdeutsches Museum für Industriekultur
> Nordwestdeutsches Museum für Industriekultur
Info und Anmeldung: nordwollemuseen@web.de
Gruppenführungen nach vorheriger Anmeldung.
Öffnungszeiten: Di. bis Fr. und So. 10-17 Uhr, Mo. und Sa. geschlossen
Rundgang zum Selbstentdecken
Hier finden Sie den Flyer zu der Arbeiterin, Gewerkschafterin und Betriebsrätin Ruth Müller (1922-2008) und der Geschichte der Textilarbeiterinnen in Delmenhorst zum Herunterladen:
> Flyer frauenORT Ruth Müller
Hörbeitrag
> Buten un Binnen: Diese Delmenhorster Textilarbeiterin kämpfte für ihre Kolleginnen
Der frauenORT Ruth Müller ist in Kooperation mit dem Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur und der Gleichstellungsstelle Delmenhorst entstanden und im September 2018 eröffnet.