Paula Tobias

„In eine mora­li­sche Dach­kam­mer habt ihr die Frau gesperrt und wun­dert euch, dass sie nicht auf­recht steht“

Paula...

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frauenORT Kontakt:

Kulturreferentin
Ausstellungen, Schloss Bevern

Stets im Dienst am Menschen. Als erste praktizierende Ärztin im Braunschweiger Land leistete Paula Tobias während des 1. Weltkrieges die medizinische Versorgung der Region Kreiensen, führte ein Lazarett und bildete Pflegerinnen aus. Die von ihr eingerichtete Mütterberatung unterstützte Frauen bei der Säuglingspflege. Diese Gesundheitsfürsorge setzte sie ab 1928 in Bevern fort, wo sie mit ihrem Mann eine Gemeinschaftspraxis betrieb. Konfrontiert mit Ausgrenzung und Berufsverbot, forderte die Jüdin gegenüber bekennenden Nationalsozialisten ihre Anerkennung als Deutsche. Der Tag des Judenboykotts (01.04.1933) war ein Wendepunkt in ihrem Leben. Nach Verabschiedung der Nürnberger Gesetze emigrierte Paula Tobias 1935 unfreiwillig in die USA. Ihre Lebensgeschichte ist somit auch gekennzeichnet vom Rassismus in Deutschland der Flucht, Vertreibung und Emigration nach Amerika zur Folge hatte. Dort arbeitete sie als Krankenschwester.

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Lebenslauf

Die Ärztin Dr. med. Paula Tobias hat für die Gesundheitsversorgung im Braunschweiger Land Erhebliches geleistet.

Geboren wurde sie am 15. Januar 1886 als Paula Sussmann in Hamburg. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater entstammten wohlhabenden jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilien. 1887 wurde ihr Bruder geboren, der im Ersten Weltkrieg fiel. Auf eine gute Bildung wurde in ihrem Elternhaus ebenso Wert gelegt, wie auf die Berufstätigkeit der Frauen. Paulas Mutter Eva Anna Sussmann war als Journalistin tätig. Auch Paula erhielt eine umfassende Schulbildung, die sie 1906 mit der Hochschulreife abschloss.

Von 1906 bis 1911 studierte sie in Berlin, Heidelberg und München Medizin und schloss ihr Studium 1911 mit ihrer medizinischen Dissertation ab. Damit gehörte sie zu den ersten Frauen, die an einer deutschen Universität studierten und zur ersten Generation von Ärztinnen in Deutschland. Nach ihrer Approbation ging sie für einige Monate an die Kinderklinik in Göttingen, um ihre Kenntnisse in der Kinderheilkunde zu vertiefen. 1912 heiratete sie den jüdischen Arzt Siegfried Tobias, genannt Fritz, der ebenfalls aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie entstammte.

Im Anschluss an ihre Tätigkeit in der Kinderklinik Göttingen eröffnete das Ehepaar Tobias eine Gemeinschaftspraxis in Kreiensen. Damit wurde Paula Tobias die erste praktizierende Ärztin im Braunschweiger Land. Die meisten Ärztinnen arbeiteten in den größeren Städten.

Als Fritz Tobias 1914 im ersten Weltkrieg eingezogen wurde, war seine Frau alleine für die ärztliche Versorgung in der Region Kreiensen verantwortlich. Als wichtigen Verkehrsknotenpunkt der Eisenbahn erreichten Kreiensen viele verwundete Frontsoldaten, die von Paula Tobias ärztlich versorgt wurden. Ebenfalls bildete sie neue Pflegerinnen aus und organisierte den medizinischen Betrieb. Für diese Verdienste erhielt Paula Tobias das Frauen-Verdienstkreuz für Kriegshilfe, das für sie gerade im Kontext der späteren Verfolgung aufgrund ihrer jüdischen Herkunft große Bedeutung erlangte.

Als Anfang 1917 eine Landarztstelle in Delligsen vakant war, übernahm Paula Tobias diese. Da ihr Mann als Sanitätsoffizier an der Front war, konnte sie mit ihm darüber keine Rücksprache halten, sondern entschied eigenständig. Es gelang ihr, als Ärztin das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Als Fritz Tobias nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 zurückkehrte, übernahm er nach und nach die Praxis, während Paula Tobias sich zunehmend der Familie widmete. In den Jahren 1920 und 1923 bekam das Paar zwei Söhne, von denen einer im Kindesalter verstarb. Während dieser Familienphase wuchs auch ihre Leidenschaft für das Gärtnern.

Mit der Übernahme der Landarztpraxis in Delligsen führte Paula Tobias 1917 eine Mütterberatung im Braunschweiger Land ein. Die hohe Kindersterblichkeit war für sie ein Indiz, dass die Mütter medizinische Beratung benötigten.

Ab 1928 übernahm das Ehepaar eine Praxis in Bevern, und Paula Tobias griff ihre Tätigkeit als Ärztin wieder auf. Sie war unter ihren Patientinnen und Patienten sehr geschätzt und beliebt. Die Tobias‘ brachten sich vielfältig in das ländliche Leben ein. Ein Schwimmbad, das in Bevern eingerichtet wurde, ging maßgeblich auf die Initiative und auch Finanzierung der Familie Tobias zurück. Die Mütterberatung führte Paula Tobias auch hier fort.

Obwohl der jüdische Glaube im Leben der Familie Tobias keine Rolle spielte und der Sohn sogar evangelisch getauft wurde, traf mit der Erstarkung des Nationalsozialismus die beginnende Verfolgung die Familie wie die anderen jüdischen Menschen in Deutschland.

Paula Tobias wurde die Mütterberatung entzogen, und das Ehepaar bemühte sich darum, weiter ärztlich praktizieren zu dürfen. Der Druck auf die jüdische Familie nahm jedoch zu, was dazu führte, dass der Sohn Gerd in den Niederlanden auf ein Internat geschickt wurde, um Englisch zu lernen.

Nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze im September 1935 gab es keinen anderen Weg als die Emigration, woraufhin die Familie Bevern verließ. Mit dem Schiff „Seattle“ emigrierten die Tobias‘ von Bremerhaven aus am 19. November 1935 in die USA. Da dort nur einer der Ehepartner die Zulassung als Arzt/Ärztin erhalten konnte, wurde diese Fritz Tobias zugesprochen, der somit in Kalifornien weiter praktizieren konnte. Paula Tobias war bis zu ihrem Ruhestand 1956 als Krankenschwester tätig. 1945 wurde das Ehepaar geschieden.

Dr. Paula Tobias starb 1970 in Kalifornien.


Text: Dr. Gudrun Heuschen

Kulturtouristische Angebote

Stadtführung
Auf den Spuren von Paula Tobias – Engagierte Landärztin, Deutsche und Jüdin
Geführter Rundgang durch Bevern. Zwischen 1928 und 1935 lebte und praktizierte Dr. med. Paula Tobias als erste Landärztin im Braunschweiger Land in Bevern. Ihr für die damalige Zeit besonderes und zugleich exemplarisches Leben wird bei einem Rundgang durch den Ort anschaulich.
Termine für Gruppen auf Anfrage buchbar: Tel: (0 55 31) 1 21 64 36 oder 99 40 18.


Museumsausstellung
Paula Tobias:
Auf den Spuren der ersten Landärztin im Braunschweiger Land
Dauerausstellung im Schloss Bevern.
Eintritt frei
Kulturzentrum Weserrenaissance Schloss Bevern > Jahresprogramm 2025

Ausstellungsrundgang
Paula Tobias – Erste Landärztin im Braunschweiger Land
Angebote  für Gruppen auf Anfrage, mit kommentierter Ausstellungsführung und Ortsrundgang.
Weitere Informationen > Schloss Bevern
Anfrage: Tel. 05531 707 140 oder kultur@landkreis-holzminden.de

 

Mit der App auf Paula Tobias Spuren
Mittels einer auf Smartphone oder Tablet heruntergeladenen, GPS-gestützten App können sich Besucher*innen unabhängig von einer Führung und einem festen Termin auf den Spuren von Paula Tobias durch Bevern führen lassen.
Start im WLAN-Bereich des Schlosses, ständiges Angebot.
Weitere Informationen > Schloss Bevern

Rosen-Neuzüchtung „Paula Tobias“
Entstanden für den frauenORT, ist eine Neuzüchtung aus der Gruppe der Historischen Rosen (d.h. sie gehört zu den einmal blühenden Rosen). Sie ist duftend, insektenfreundlich und formt einen schönen Strauch.
Weitere Informationen > Schloss Bevern

Gedenktafel für Paula Tobias
Standort Delligsen,
seit November 2017.

Paula Tobias in Kreiensen - Dauerausstellung,
seit Dezember 2018 in Kreiensen im Rathaus. Während der Öffnungszeiten des Bürgerbüros kann sie besichtigt werden.
> Weitere Informationen

Führungsangebot zum frauenORT Paula Tobias beim Landsommer Weserbergland:
> www.gaestefuehrungen-weserbergland.de

 

Der frauenORT Paula Tobias entstand in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten und der Kulturreferentin des Landkreises Holzminden sowie dem Heimat- und Geschichtsverein für Landkreis und Stadt Holzminden e.V. und wurde im Mai 2017 eröffnet.

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