Durchsetzungsstark und stets die erste Frau im Amt. Die Juristin Theanolte Bähnisch schloss in den 1920er Jahren die höhere Verwaltungslaufbahn für Frauen ab. Nach dem 2. Weltkrieg arbeitete die Sozialdemokratin als Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Hannover und Bevollmächtigte des Landes Niedersachsen beim Bund für den Wiederauf- und Ausbau des Landes. Bedeutend war auch ihr Engagement für die Entwicklung der westdeutschen Frauenbewegung. Unterstützt von der Politik und engagierten Frauen gründete sie 1949 den „Deutschen Frauenring“ (DFR) im Konzerthaus der Kurstadt Bad Pyrmont.
Dorothea Nolte, so ihr Mädchenname, wurde am 25. April 1899 in Beuthen/Oberschlesien geboren und wuchs im westfälischen Warendorf auf. 1919 legte die Tochter eines Gymnasiallehrers das Abitur in Köln ab, studierte Jura in Münster und ließ sich ab 1923 als erste Frau als Verwaltungsreferendarin bei der Regierung in Münster ausbilden. Sie wurde damit auch zugleich die erste Verwaltungsjuristin. Ab 1926 arbeitete sie im Polizeipräsidium Berlin, wo sie auch durchsetzte, nicht aus dem Beruf ausscheiden zu müssen, nachdem sie ihren Berufskollegen Albrecht Bähnisch geheiratet hatte. Erst als ihr Mann 1930 Landrat im Kreis Merseburg wurde, musste sie ihren Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst aufgrund des Gesetzes gegen das „Doppelverdienertum“ verlassen.
Aufgrund des damals geltenden Namensrechtes durfte Dorothea Nolte ihren Nachnamen nicht behalten und fügte daher die Kurzform ihres Vornamens „Dorothea“ mit ihrem Mädchennamen „Nolte“ zusammen. „Theanolte“ Bähnisch, wie sie sich seit der Heirat inoffiziell nannte, gründete einen Verlag und wurde 1931 und 1933 Mutter. Nach Albrecht Bähnischs Absetzung als Landrat durch die Nationalsozialisten baute sich das Ehepaar ab 1933 eine Anwaltskanzlei in Berlin und ab 1936 in Köln auf. Beide vertraten sehr häufig politisch und rassisch Verfolgte. Seit Kriegsbeginn lebte Theanolte Bähnisch allein mit den Kindern, weil ihr Mann sofort eingezogen und seit 1943 in Russland vermisst wurde.
Im August 1945 von der Militärregierung in Köln als Verwaltungsrechtsrat wieder zugelassen, vertrat sie nun „Butterbrot-P.G.‘s“ – wie sie diejenigen nannte, die um ihrer Existenz willen in die NSdAP eingetreten waren. Als der Aufbau ihrer Existenz auf einem guten Weg war, holten der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher und der erste Ministerpräsident Niedersachsens Hinrich Wilhelm Kopf die Sozialdemokratin nach Hannover, im März 1946 als Regierungsvizepräsidentin, im November 1946 als Regierungspräsidentin. Ihre Hauptaufgaben: Wiederaufbau des zerstörten Landes, Unterbringung der Tausenden von Flüchtlingen und Vertriebenen.
Theanolte Bähnisch legte sehr viel Wert darauf, dass „ihre“ Behörde und die 1.100 Mitarbeiter*innen lebensnah arbeiteten. Verwaltung betrachtete sie als „etwas unerhört Lebendiges“ und vom Gesetzgeber erwartete sie, dass er durch Kann-Bestimmungen Ermessensspielräume schuf, um Härten ausgleichen zu können. Bis 1959 blieb Theanolte Bähnisch 13 Jahre Regierungspräsidentin in Hannover.
Eine bemerkenswerte Frau, eine Führungspersönlichkeit, war Theanolte Bähnisch auch hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Wirkens. Auf ehrenamtlicher Basis, aber unter Ausnutzung aller ihr zur Verfügung stehenden Netzwerke, leistete sie einen herausragenden Beitrag zur Entwicklung der westdeutschen Frauenbewegung. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie felsenfest davon überzeugt, dass die Welt nur mit Hilfe der Frauen langfristig befriedet werden könne. Sie begann unermüdlich ein Netz aus deutschen, europäischen und internationalen Frauenkontakten zu spinnen.
Als Multiplikatorin und Vermittlerin verschiedenster Interessengruppen trat sie in Vorträgen, in der Presse und im Rundfunk für eine partei- und konfessionsübergreifende Frauenpolitik ein. Mit ihrem Engagement, die deutschen Frauen wieder in die internationale Frauenbewegung und in die Europabewegung einzubinden, stärkte und festigte sie auch die internationale Anbindung Westdeutschlands an den westlichen Kultur- und Politikraum.
Im Mai 1946 wurde sie Mitbegründerin des „Clubs deutscher Frauen“ in Hannover. Im Juni 1947 war sie auf einer internationalen Frauenkonferenz in Bad Pyrmont die treibende Kraft bei der Bildung des „Frauenrings der Britischen Zone“. Ab Juni 1948 firmierte sie als Mitherausgeberin einer Zeitschrift, welche künftig die „Die Stimme der Frau“ zu Gehör bringen sollte.
Im November 1949 wurde sie in Bad Pyrmont die erste Vorsitzende des von Delegierten der überparteilichen und überkonfessionellen Frauenverbände der BRD und West-Berlins gegründeten „Deutschen Frauenrings“. 1951 erreichte sie mit ihrer weltoffenen Art, dass Deutschland bzw. der Deutsche Frauenring offiziell als Mitglied des International Council of Women, des Weltfrauenrats, aufgenommen wurde.
Als Vorsitzende des Deutschen Frauenrings (1949-52) vertrat Theanolte Bähnisch in Anknüpfung an Helene Lange (1848 – 1930) die Theorie der Geschlechterdifferenz, nach der Männer und Frauen verschiedene, sich jedoch ergänzende Aufgaben in der Gesellschaft wahrzunehmen hatten:
„Sinn der deutschen Frauenbewegung ist die Umgestaltung der Welt durch Zusammenarbeit von Mann und Frau“, erklärte Theanolte Bähnisch bei der Gründung des Deutschen Frauenrings in Bad Pyrmont. „Der Deutsche Frauenring wird diese Frauenbewegung in ihrem eigentlichen Sinn repräsentieren. (...) Wir werden nicht aus männlicher Mentalität oder Denkweise heraus handeln wollen, sondern uns bemühen, den Instinkt und das Gefühl der Frau mit der Klugheit eines geschulten Geistes zu verbinden, das heißt, wir möchten ein kluges Herz haben. ...“
In den 50er- und 60er Jahren bekleidete Theanolte Bähnisch dann eine Fülle von Ehrenämtern im Deutschen Frauenring, im Weltfrauenrat sowie in weiteren international agierenden Vereinigungen wie z.B. im Deutschen Rat für die Europäische Bewegung, in der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen und der Deutsch-Kanadischen Gesellschaft. 1956 war sie Mitbegründerin des Soroptimist International Club Hannover.
1959, kurz nach ihrem 60. Geburtstag, wurde Theanolte Bähnisch im Rang einer Staatssekretärin Bevollmächtigte des Landes Niedersachsen bei der Bundesregierung. Am 30. April 1964 wurde sie in den Ruhestand verabschiedet. Ministerpräsident Georg Diederichs würdigt ihre Verdienste 1964 mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der BRD und 1967 mit dem Großen Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens.
Theanolte Bähnisch starb am 9. Juli 1973. Der Deutsche Frauenring erklärte in seinem Nachruf: „Frau Theanolte Bähnisch wird uns als eine der bedeutenden Frauen Vorbild sein für die konsequente Hingabe an das Ziel, die Aufgaben der Bürgerin in Beruf, Familie, Gesellschaft und Politik zu vereinen.“
Text: Dr. Karin Ehrich
Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Auf den Spuren von Theanolte Bähnisch und Pyrmonter Ratsfrauen
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Die Frauenwelt schaut auf Bad Pyrmont
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Gedenktafel für Theanolte Bähnisch
Konzerthaus, Schlossstraße 1
Filmporträt
"Eine bemerkenswerte Frau - Staatssekretärin Theanolte Bähnisch"
NDR 1963
> Link zum Filmporträt
Theanolte-Bähnisch-Platz mit Infotafel
am Tellerbrunnen / Hauptallee des Kurparks
> Download Text der Infotafel/Stele
Sprachen: Deutsch, Englisch, Niederländisch
Der frauenORT Theanolte Bähnisch in Bad Pyrmont wurde in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Bad Pyrmont und dem Deutschen Frauenring (Landesverband Nds.) im Mai 2010 eröffnet.