Minna Faßhauer

 „Wir durf­ten damals noch nicht am öffent­li­chen Leben teil­neh­men. Wir kamen den­noch heim­lich zusam­men. Der...

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 „Wir durften damals noch nicht am öffentlichen Leben teilnehmen. Wir kamen dennoch heimlich zusammen. Der von Frauen geführte Kampf … führte 1908 zum Siege und damit zu unserer Gleichberechtigung im Versammlungswesen.“

Mit diesen Worten verdeutlichte Minna Faßhauer, dass Demokratiegeschichte Frauengeschichte ist und sie selbst Teil, ja Motor dieser Entwicklung war. Aufgrund ihres frauen- und bildungspolitischen Engagements und ihrer Erfahrungen ernannte sie der Braunschweiger Arbeiter- und Soldatenrat 1918 zur Volkskommissarin für Volksbildung, und damit zur ersten und einzigen Ministerin der jungen Republik (Nov. 1918 - Feb. 1919). Es war vor allem der zunehmende Rechtsruck in der Gesellschaft, der Minna Faßhauer radikaler werden ließ. Die Haft im Frauen-KZ Moringen änderte nichts an ihrer politischen Haltung: sie blieb auch nach 1945 als KPD-Mitglied frauenpolitisch aktiv – und starb 1949 kurz nach einer Frauenveranstaltung.

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Lebenslauf

Minna Faßhauer war eine politisch engagierte und streitbare Frau. Als Minna Nikolai wurde sie am 10. Oktober 1875 in Bleckendorf im Bördekreis Wanzleben als Tochter des Arbeiters Theodor Nikolai und seiner Ehefrau Dorothea, geb. Schmidt, geboren. Als sie drei Jahre alt war, verstarb ihr Vater. Die Kinder mussten bereits früh zum Auskommen der Familie beitragen. Von 1881 bis 1889 besuchte Minna die Volksschule in Bleckendorf und arbeitete bereits während ihrer Schulzeit um die Familie zu unterstützen. Minna Faßhauer reflektierte später, dass ihre Kindheit und Jugend in Armut und die Notwendigkeit, selbst Geld zu verdienen, sie geprägt hätten. Diese Erfahrungen veranlassten sie, sich mit den Ursachen für die Verelendung der Menschen der Arbeiterklasse auseinanderzusetzen.

1893 kam sie als 18-jährige nach Braunschweig, arbeitete dort u. anderem als Dienstmädchen, Flaschenspülerin, Waschfrau und Arbeiterin in einer Konservenfabrik. Das Lesen und Schreiben brachte sie sich selbst bei. Auf diese Weise kam sie mit sozialistischen Schriften und der Braunschweiger Arbeiterbewegung in Berührung. In diesem Umfeld lernte sie ihren späteren Ehemann, den Schmied Johannes Georg Faßhauer, kennen. Das Paar heiratete am 16. April 1899 in der Braunschweiger Michaeliskirche und bekam 1903 und 1906 zwei Söhne.

Schon früh wurde Minna Faßhauer die Bedeutung der politischen Partizipation von Frauen bewusst. Aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen setzte sie sich insbesondere für die Rechte junger arbeitender Frauen und deren Gleichstellung ein. Ebenso engagierte sie sich für die Gleichberechtigung und die Abschaffung des Verbots der politischen Betätigung von Frauen. Ihr eigenes politisches Engagement in Frauenzirkeln und im „Bildungsverein jugendlicher Arbeiter“ war zu dem Zeitpunkt noch illegal, da Frauen sich nicht politisch betätigen durften.

Auch Minna Faßhauers Einsatz im „Bildungsverein jugendlicher Arbeiter“ lässt sich auf biographische Erfahrungen zurückführen. Ihr Ziel war es, die Bildungsbedingungen junger Menschen aus der Arbeiterklasse zu verbessern. 1907 war der Verein als Jugendorganisation der SPD gegründet worden. 1908 wurde die Organisation auf ihr Drängen hin in „Bildungsverein jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter“ umbenannt. Minna Faßhauer hatte 1907 als Braunschweiger Delegierte an der „I. Internationalen Konferenz Sozialistischer Frauen“ in Nürnberg unter der Leitung von Clara Zetkin teilgenommen und machte sich vor diesem Hintergrund dafür stark, auch die weiblichen Arbeitskräfte als Zielgruppe explizit zu erwähnen.

Als 1908 ein neues Vereins- und Versammlungsgesetz im Land Braunschweig in Kraft trat und Frauen seitdem politisch tätig sein durften, hatte Minna Faßhauer daran einen entscheidenden Anteil. 1912 trat sie in die SPD ein und engagierte sich für die politische Gleichberechtigung und das Frauenwahlrecht, indem sie z. B. 1913 eine Veranstaltung zum Internationalen Frauentag in Braunschweig eröffnet.

Die Themen „Frauen“ und „Kinder und Jugendliche“ waren für Minna Faßhauer von besonderer Bedeutung. Für das Frauenwahlrecht, vor Beginn des ersten Weltkrieges eines der wichtigsten Ziele der Frauenbewegung, setzte sie sich durch Vorträge, Diskussionen und Veranstaltungen ein. Von 1912 bis 1914 war sie Mitglied einer neu eingerichteten Kinderschutzkommission, deren Ziel es war, die Kinderschutzbestimmungen aus dem Jahr 1904 sowie Maßnahmen zur gesundheitlichen und kulturellen Förderung von Kindern zu überwachen. Als Gewerkschaftsdelegierte war Minna Faßhauer Mitbegründerin der „Arbeitsnachweiszentrale“, einer Vorläuferinstitution des späteren Arbeitsamtes.

Erste Ministerin Deutschlands

In der Folge der Novemberrevolution schloss sich Minna Faßhauer 1917 der radikaleren Splitterpartei „Unabhängige Sozialdemokratische Partei“ (USPD) an und betrieb aktive Abwerbepolitik unter den Mitgliedern der SPD. Als am 10. November 1918 in Braunschweig durch den Arbeiter- und Soldatenrat die Sozialistische Republik Braunschweig ausgerufen wurde, gehörte sie als Mitglied zum Rat der Volkskommissare und war damit vom 10. November 1918 bis zum 22. Februar 1919 die erste deutsche Ministerin: „Volkskommissarin für Volksbildung“.

Ab Dezember 1918 bis Mai 1919 war sie Landtagsmitglied für die USPD. Ihre Zeit als Ministerin endete jedoch bereits am 22. Februar 1919, als die Räteregierung in Braunschweig durch eine Koalition aus USPD und SPD abgelöst wurde.

In ihrer kurzen Amtszeit schaffte Minna Faßhauer die kirchliche Schulaufsicht ab und setzte die Altersgrenze für die Religionsmündigkeit auf 14 Jahre herab. Sie trat für die Aufhebung der Geschlechtertrennung an Volksschulen ein und drängte auf die Einrichtung von Kinderbetreuungseinrichtungen (Kindergärten und Horte) mit dem Ziel, der strukturellen Benachteiligung von Arbeiterkindern entgegenzuwirken. Darüber hinaus begann sie damit, grundlegende sozialistische Reformen im Curriculum einzuführen, indem sie in der Gestaltung des Geschichtsunterrichts die Fürstenverherrlichung oder Volksverhetzung verbot und die Kriegsgeschichte durch Kulturgeschichte ersetzte.

Seit Beginn der 1920er Jahre kam Minna Faßhauer mehrmals mit der Justiz in Konflikt. Wegen kommunistischer Terrorakte gegen Kirchen und bürgerliche Institutionen wurde sie zwischen 1920 und 1924 mehrfach verhaftet und vor Gericht gestellt. So wurde sie 1921 wegen „Vergehens gegen das Entwaffnungsgesetz“ zu vier Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 300 Mark verurteilt. Für diese Strafe erhielt sie jedoch eine Amnestie. Im gleichen Jahr wurde sie mit einer Reihe von Sprengstoffanschlägen in Verbindung gebracht und zu einer 9-monatigen Haftstrafe verurteilt. Bei der Urteilsverkündung nach über einem Jahr Untersuchungshaft hatte sie diese bereits verbüßt.

Während der Zeit des Nationalsozialismus gehörte Minna Faßhauer einer Widerstandsgruppe an und wurde am 5. Oktober 1935 wegen Hochverrats zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Ihr wurde vorgeworfen, antifaschistische Flugblätter verteilt zu haben. Obwohl sie im Berufungsverfahren freigesprochen wurde, entließ man sie nicht aus der Haft, sondern überführte sie am 24. Oktober 1935 in das Frauen-Konzentrationslager Moringen. Dort blieb sie bis zum bis zum 13. Januar 1936 inhaftiert. Eine schwere Erkrankung führte zu ihrer Entlassung, jedoch wurde sie bis 1945 durch die Gestapo überwacht.

Nach Kriegsende unterstützte Minna Faßhauer den Wiederaufbau der Kommunistischen Partei Deutschlands in Braunschweig. Sie engagierte sich für die politische Frauenarbeit und kandidierte ab 1946 mehrere Jahre für die KPD. Am 04. März 1946 wurde sie als Opfer des Faschismus anerkannt.

Am 28. Juli 1949 starb Minna Faßhauer in Braunschweig in Folge eines Schlaganfalls. Kurz zuvor hatte sie noch an einer Frauenveranstaltung ihrer Partei, der KPD, teilgenommen.

Der Verfolgung Minna Faßhauers durch die Nationalsozialisten wird heute durch einen 2015 vor ihrem letzten Wohnhaus in Braunschweig verlegten Stolperstein gedacht. Ebenso ist ihr Leben Stoff für das Musical „Minna – Ein Leben in Braunschweig“ geworden.
2024 feierte ein Dokumentarfilm unter dem Titel „Minna Faßhauer – Arbeiterin, Gewerkschafterin, Ministerin“ Premiere in Braunschweig.

Um die Ehrung ihrer Person ist aufgrund ihres als problematisch gesehenen Verhältnisses zur parlamentarischen Demokratie und ihre letztlich ungeklärte Verwicklung in die Sprengstoffanschläge von 1921 in Braunschweig eine politische Debatte entstanden.

 

Kulturtouristische Angebote

Gedenktafel Minna Faßhauer, im DGB Haus, Wilhelmstraße 5, 38100 Braunschweig
und
Gedenktafel sowie Informationskassette zu Minna Faßhauer in der > Gedenkstätte Schillstraße, Braunschweig

Termine und Veranstaltungen über:
> DGB-Region SüdOstNiedersachsen
und
> https://www.minna-fasshauer.de/


Stadtführung
Auf den Spuren Minna Faßhauers – Friede-Freiheit-Brot – ein Stadtspaziergang
ideal für Gruppen mit 5 bis 12 Personen, für kleinere oder größere Gruppen nach Absprache 
spaziergang@minna-fasshauer.de
Tel. 0531 480 96-0

Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Ein ausführliches Faltblatt > Flyer Stadtspaziergang


Der frauenORT Minna Faßhauer ist in Kooperation mit dem DGB-Kreisfrauenausschuss (KFA) entstanden und wurde im Oktober 2018 in Braunschweig eröffnet.

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