Sie war die bemerkenswerteste Frau im politischen Leben des Peiner Landes. Hertha Peters setzte sich für eine stärkere Präsenz von Frauen in der Kommunalpolitik ein und bereitete ab 1964 als erste Landrätin im Landkreis Peine und in Niedersachsen sowie zeitweise als einzige amtierende Landrätin in der Bundesrepublik den Weg für Frauen in politische Führungspositionen vor. Der Bau des Kreiskrankenhauses, des heutigen Klinikums Peine, zählt zu ihren herausragenden politischen Leistungen, ebenso ihre Vermittlerrolle bei der Zusammenlegung der Gemeinden in der Verwaltungs- und Gebietsreform.
Hertha Peters, geborene Karsten, war eine bodenständige Tochter Peines. In ihrem Elternhaus am Rande des Stadtzentrums, wohnte sie fast ohne Unterbrechung ihr ganzes Leben. Sie wurde als Jüngstes von elf Kindern am 21. April 1905 geboren. Ihr Vater arbeitete als Bierkutscher bei der Härke-Brauerei. Ihre Mutter hatte sich vor der Ehe als Magd verdingt. Die junge Hertha besuchte die 1901 eröffnete Bodenstedtschule.
Weil in der großen Familie das Geld für die Ausbildung zur Fürsorgerin fehlte, schloss sie eine kaufmännische Lehre im Mode- und Stoffgeschäft Salje & Rump in Peines Einkaufsstraße, in der Breiten Straße, an. Nach einigen Erwerbsjahren in Hamburg und Holstein kehrte die 21-Jährige 1926 nach Peine zurück und begann im Büro der Peiner Konsumgenossenschaft in der Querstraße zu arbeiten.
In dieser Zeit wurde ihr politisches Interesse geweckt. Als Vorbild nannte Hertha Peters später ihre Mutter, die einen starken Sinn für Realitäten gehabt hätte. Doch direkten Einblick in die Politik erhielt sie durch ihren älteren Bruder August Karsten (1888 – 1981), der für die USPD und die SPD Bürgervorsteher in der Stadt, Mitglied des Kreistages und von 1920 bis 1933 Mitglied des Deutschen Reichstages war. So hatte die erst 13-jährige Hertha in der revolutionären Umbruchzeit 1918 bereits Flugblätter vor dem Eingangstor des Peiner Walzwerks verteilt.
Mit 18 Jahren trat sie 1923 in die SPD ein und engagierte sich im Reichsbanner „Schwarz-Rot-Gold“, einem Bündnis zum Schutz der Republik, sowie bei den „Naturfreunden“, die sich aus der Arbeiterbewegung heraus als Verband für Sport und Kultur entwickelt hatten. Mit 28 Jahren kandidierte Hertha Peters bei der Kommunalwahl im März 1933 auf der SPD-Liste für die Gemeindevertretung der Stadt Peine. Die Nationalsozialisten lösten jedoch die erste und einzige Ratssitzung auf und verboten ihr jegliche politische Tätigkeit; zudem verlor sie ihren Arbeitsplatz.
Nach der Heirat mit dem Buchdruckermeister Kurt Peters verlebte sie die folgenden Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in der „inneren Emigration“. Hier half „...das konzentrierte Eindringen in musische Räume, wobei Musik, Gesang und das Buch jene Nothelfer einer Umwelt wurden, die man fürchten musste“, erzählte sie rückblickend.
Ins Peiner Rathaus gelangte Hertha Peters schließlich als Beschäftigte. Von 1939 bis 1965 arbeitete sie in der Stadtkasse und im Personalamt. Zudem war sie 1946 bis 1965 fast ununterbrochen Betriebs- bzw. Personalratsvorsitzende der Stadt. Als Gewerkschafterin gehörte sie viele Jahre dem Kreis- und Bezirksvorstand sowie – auf Bundesebene – dem Hauptvorstand der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) an. Beide Tätigkeiten galten ihr als starke Fundamente für ihre spätere Funktion als Landrätin.
Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte Hertha Peters an den Beginn ihres kommunalpolitischen Engagements in den Weimarer Jahren an. Von 1948 bis 1952 gehörte sie dem Peiner Kreistag an, musste dann allerdings pausieren, weil das kommunale Wahlgesetz Angehörige des öffentlichen Dienstes einige Jahre vom passiven Wahlrecht ausschloss. 1960 konnte sie in den Kreistag nachrücken und machte eine rasante Karriere. Bereits 1961 wurde sie Vorsitzende der SPD-Fraktion und Vorsitzende des Krankenhausausschusses. Im Oktober 1964 erfolgte ihre Wahl zur Landrätin (in geheimer Abstimmung mit 27 Stimmen bei 10 Stimmenthaltungen) und im Oktober 1968 ihre Wiederwahl auf vier Jahre.
„Obrigkeit ist männlich“ – diese Maxime galt bis weit ins 20. Jahrhundert in Politik und Verwaltung. So bezeichnete der Titel des „Landrats“ vergangener Zeiten einen hauptamtlichen Staatsbeamten, welcher der unteren staatlichen Verwaltungsbehörde vorstand und zugleich für die Selbstverwaltungsangelegenheiten des jeweiligen Landkreises verantwortlich war. Von 1958 bis 1999 fungierte der Landrat als Vorsitzender des Kreistages, von dem er auch gewählt wurde, sowie als ehrenamtlicher Repräsentant des Landkreises.
In diese junge Tradition stellte sich Hertha Peters. In ihrer Amtszeit als „Frau Landrat“ – wie sie genannt zu werden wünschte – gestaltete sie viele wichtige politische Entscheidungen für Maßnahmen mit, die noch heute zur Attraktivität des Landkreises Peine beitragen. Sie selbst betrachtete als ihre herausragende politische Leistung den Bau des Kreiskrankenhauses. Außerdem entstanden u.a. die Schulzentren in Groß Ilsede, Edemissen und Hohenhameln, Kindergärten sowie das Behindertenheim Berkhöpen. Unter ihrem Vorsitz entschied sich der Kreistag für Vöhrum als Standort des geplanten Berufsschulzentrums und für den Ankauf der Flächen um den Eixer See als Naherholungsgebiet.
Im Kreistag agierte Hertha Peters bis 1968 allein unter Männern. In einer Zeit, als das „Gruppenbild mit Dame“ in der Politik vorherrschte, betrachtete sie ihr Engagement als Selbstverständlichkeit und sah sich höchstens als „Vorzeigefrau“, jedoch nicht als Frauenrechtlerin. Gleichwohl fand sie auf der Basis eines geschlechtsspezifischen Verständnisses von politischer Arbeit stets deutliche Worte für eine stärkere Präsenz von Frauen in der Kommunalpolitik.
So forderte sie die Frauen auf, ihre gesellschaftliche Rolle als „Mütterchen vom Dienst“ und „Heimchen am Herd“ abzustreifen und mit Mut und ohne falsche Bescheidenheit die Rathäuser und Parlamente zu stürmen. „In der Kommunalpolitik gibt es manche Dinge, die nicht nur mit dem kühl rechnenden Verstand, sondern auch mit einer guten Portion Herz entschieden werden müssen. Hier liegt eine noch nicht richtig ausgenutzte Domäne für die Frau“, meinte sie 1961.
Als kommunalpolitische Aufgabenfelder für Frauen nannte sie die Sozial- und Gesundheitspolitik, Schul-, Erziehungs- und Jugendfragen sowie den Wohnungsbau. Die Wahl von Frauen wegen ihres „Frauseins“ lehnte sie allerdings entschieden ab. „Wir wollen nicht aus Höflichkeit oder Rücksicht gewählt werden, sondern wir wollen ernst genommen werden“, erklärte sie bereits in den 60er Jahren, als von Frauenquoten noch längst keine Rede war, und verlangte aussichtsreiche Plätze für Frauen auf den Wahllisten. Anlässlich einer späteren Gelegenheit erklärte sie mit einem Seitenhieb zum politisch dominierenden männlichen Geschlecht: „Eine Frau ist dem Mann gleichwertig, nicht gleichartig“.
Insgesamt wollte Hertha Peters als Landrätin die Eigenständigkeit und die Selbstverwaltung des Kreises gegen zu große staatliche Einflussnahme stärken. Dabei erforderte gerade die Verwaltungs- und Gebietsreform, die in Niedersachsen zwischen 1965 und 1972 durchgeführt wurde, viel politische Durchsetzungskraft und Fingerspitzengefühl bei der Zusammenlegung von Gemeinden und kommunalen Verwaltungsorganen.
Als Mitglied des Kreistages verabschiedete sich die 71-Jährige 1976, um Jüngeren Gelegenheit zum politischen Engagement zu bieten. Sie starb am 1. September 1987 in Peine.
Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Hertha Peters · Peine. Erste Landrätin in Niedersachsen
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Kostümführung
Auf den Spuren von Hertha Peters u. a. Frauen,
mit Schauspielerin Stephanie Harrer,
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Frauenstadtrundgang
Peiner Frauen – viel mehr als Kinder, Küche, Kirche
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Frauen sind in der Kommunalpolitik nach wie vor unterrepräsentiert. Wenn sie Einfluss nehmen, gestalten und etwas bewegen wollen, müssen sie die Parlamente stürmen. Ein Film über Hertha Peters, die erste Landrätin Niedersachsens, zeigt, dass das Thema „Frauen in die Parlamente“ schon vor mehr als 50 Jahren Kommunalpolitikerinnen beschäftigt hat. Hertha Peters, die von 1964 bis 1976 im Landkreis Peine als Landrätin tätig war, ist ein herausragendes Vorbild.
Ein Film des Gleichstellungsreferats der Stadt Peine, mit der SGK Niedersachsen und dem MedienKontor Oldenburg.
Hertha Peters Hörstation
Kreishaus, Burgstraße 1
Der frauenORT Hertha Peters wurde in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Peine im September 2012 eröffnet.