Elise Bartels lebte vor, was sie vertrat: dass Frauen durch politische Arbeit ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und gestalten können. Elise Bartels gehörte zur ersten Frauengeneration im Deutschen Reichstag. Die Arbeitertochter hatte sich in der Sozialdemokratie zu einer gefragten „Frauenagitatorin“ entwickelt und zog 1919 in den Hildesheimer Stadtrat ein. Sie war die erste Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Hildesheim und baute das „Hildesheimer Volksblatt“ samt Verlag und Druckerei sowie die Volksbibliothek auf.
Zwei Jahre vor Beginn des „Sozialistengesetzes“ wurde Elise Bartels am 13. Mai 1880 als Elise Johanne Dorette Bicker in der Michaelisstraße, Ecke Kardinal-Bertram-Straße, in Hildesheim geboren. 1892 starb ihre Mutter. Der alleinerziehende Vater finanzierte seiner Tochter eine Lehre als Stickerin, was damals als intellektuelle Tätigkeit galt. Ihr Vater war Sozialdemokrat, und Elise begleitete ihn bereits als Kind zu Parteiveranstaltungen.
1901 heiratete Elise den sozialdemokratischen Binnenschifffahrtslotsen Heinrich Friedrich Bartels. Das Ehepaar bekam zwei Töchter, Johanna (1902) und Elfriede (1906).
Wahrscheinlich wurde Elise bald ebenfalls Mitglied in der SPD, denn 1914 nahm sie mit ersten Wortmeldungen und der Wahl zur Schriftführerin an der Frauenkonferenz Hannover teil. Noch im selben Jahr trat sie als Rednerin auf dem Frauentag in Peine auf, 1916 nahm sie als Delegierte bei den Parteitagen in Weimar, Kassel, Görlitz, Nürnberg, Berlin und Heidelberg teil.
Bereits vor der gesetzlichen Erlaubnis engagierte sich Elise Bartels für die Arbeiter-Jugend sowie die Frauenbewegung. Als Vertreterin des sozialdemokratischen Wahlvereins für den Bezirk Hannover wurde sie 1918 Gründungsmitglied der Arbeiterwohlfahrt. Im gleichen Jahr, so berichtet das Hildesheimer Volksblatt, wählte die Generalversammlung Elise Bartels neben anderen Frauen in den Vorstand. Damit erfüllte die SPD ihre damalige Frauenquote. Bis 1922 war sie Vorsitzende der Hildesheimer Arbeiterwohlfahrt.
Das Hildesheimer Volksblatt, eine Tageszeitung, hat Elise Bartels in nur vier Wochen ohne Kapital als Genossenschaft im April 1919 aus dem Boden gestampft. Der Verlag und eine kleine Buchhandlung mit Lesesaal befanden sich im Gebäude Marktstraße 7, am Hildesheimer Paradeplatz. Als Vorsitzende der Pressekommission hat sie die Tageszeitung bis zu ihrem Tode wirtschaftlich erfolgreich geführt. Auch die Konfliktregelung gehörte zu ihren Aufgaben.
Als die Sozialdemokratin Elise Bartels am 2. März 1919 nach der ersten allgemeinen, gleichen und freien Wahl in das Bürgervorsteher-Kollegium (heute Rat) der Stadt einzog, wurden auch die Mitglieder der Kommissionen und Deputationen (heute Ausschüsse) gewählt. In ihrer Partei warb sie um Mitarbeit in allen Gremien, die die Gesetzgebung ermöglichten. Sie nahm an der Einführung von Wohlfahrts- und Gesundheitsamt teil.
Die Sozialdemokrat*innen bildeten mit 17 Mitgliedern die stärkste Fraktion, hatten keine Mehrheit und waren neu im politischen Feld. Bartels setzte sich für Kompromisse mit der konservativen Mehrheit ein.
Elise Bartels gilt als Initiatorin eines Frauennetzwerkes im Kreis Göttingen sowie der ersten Frauenkonferenzen in Hildesheim, Einbeck, Northeim, Göttingen und Hann. Münden. 1920 kandidierte sie zum ersten Mal für den Reichstag. Ihr Wahlkreis Südniedersachsen reichte von Hildesheim bis Göttingen. Am 01.08.1922 rückte sie für Heinrich Rieke in den Reichstag nach und wurde als erste Frau Hildesheims Mitglied im Deutschen Reichstag.
Bis 1924 war Elise Bartels in den Ausschüssen für Wohnungsbeschaffung, Volksbildung und Jugendpflege vertreten. Sie trat für Weltlichkeit der Bildung von der Kita bis zum Gymnasium ein, sowie der Einrichtung eines gemischtgeschlechtlichen Jugendwanderheims, wie in der Arbeiter-Jugend üblich.
Bartels Wahlkreisauftritte zum 2. und 3. Reichstag der Weimarer Republik im Jahr 1924 lassen sich anhand der Berichte der sozialdemokratischen Tageszeitungen nachvollziehen. Übernachtet hat sie wie damals üblich bei Genoss*innen, die mit ihr ihre Lebenswirklichkeit teilen. Die Übernachtung bei Mitgliedern der eigenen Partei diente zum einen dem Einsparen teurer Übernachtungskosten und zum anderen dem Austausch über aktuelle politische Themen und Informationen.
1925 verstarb Elise Bartels mit nur 45 Jahren an einer Embolie.
> Flyer zum frauenORT Elise Bartels zum Download
Elise Bartels Schokolade
Ein Produkt aus einer Hildesheimer Schokoladenwerkstatt.
Erhältlich in der Tourist-Information-Hildesheim, Rathausstraße 20 sowie in einigen Lebensmittelgeschäften vor Ort.
Erinnerungstafeln für Elise Bartels
im Rathaus der Stadt Hildesheim, Markt 1 und
Wiesenstraße 3, am ehemaligen Wohnhaus der Familie Bartels
Kostümführung:
Elise Bartels-Abgeordnete im Berliner Reichstag
Ein Angebot der Hildesheimer Stadtführergilde.
Weitere Informationen und Kontaktdaten unter > hi-kostuem.de
Workshop
Elise Bartels – gendersensibler Workshop über Gerechtigkeit
für Schüler*innen ab 7. Klasse
Dauer: Workshop oder Projekttag
ein Angebot des > Theaterpädagogischen Zentrums in Hildesheim
Literatur
• Hammer-Sohns, Rotraut, Frauen in kommunaler Wohlfahrts- und Sozialpolitik – Biografische Wirkungspotentiale an der Basis von SPD und AWO (1920-2014), Hildesheim 2020, > Rezension vom 7.7.20 in socialnet
• Hammer-Sohns, Rotraut, „Einen großen Fehler haben wir zurzeit gemacht, als wir nicht in das Kabinett Wirth eintraten.“ Elise Bartels, MdR (1880-1925, S. 104-120. In: Andrea Germer, Töchter der Zeit. Hildesheimer Frauen aus acht Jahrhunderten, Hildesheim 2008.
Der frauenORT Elise Bartels in Hildesheim wurde in Kooperation mit dem Frauen-Labyrinth-Projekt Region Hildesheim (jetzt Fraueninitiative Rosenlabyrinth Hildesheim) im August 2010 eröffnet.