Anita Augspurg

"Total verrückt' ... Mich schreckt aber die­ses Urteil nicht im gerings­ten. Ich bin durch lange Jahr­zehnte an das total...

 vollständiges Zitat
frauenORT Kontakt:

Dr. Kathrin Packham, GB

Unkonventionell, eigenwillig und im Denken ihrer Zeit weit voraus. 21-jährig verließ Anita Augspurg die Reiterstadt Verden, wurde Lehrerin, Schauspielerin, Fotografin und die erste promovierte Juristin Deutschlands. Sie stritt für die Einführung des Frauenwahlrechts und engagierte sich in der internationalen Frauenfriedensbewegung gegen den Krieg. Frühzeitig warnte sie auch vor den Gefahren des Nationalsozialismus.

mehr lesen

Lebenslauf

Anita Augspurg wurde 1857 in Verden an der Aller geboren. Nach dem Besuch einer privaten „Pensions- und Unterrichtsanstalt“ für Töchter arbeitete sie ab 1874 in der Kanzlei ihres Vaters in Verden. Kaum volljährig, brach sie 1878 auf, um für sich ein erfülltes Leben im Beruf und im politischen Handeln zu finden. Der Lehrerinnenberuf, für den sie sich in Berlin ausbilden und examinieren ließ, galt als einer der wenigen angemessenen Erwerbsmöglichkeiten für bürgerliche Frauen. Sie konnte ihm nichts abgewinnen, wechselte ins Schauspielfach und erkannte bald, dass die Schauspielerei und eine damit verbundene unsichere, unstete Existenz für sie nicht passte.

1887 wandte sich Anita Augspurg der Fotografie zu, einem noch jungen Medium mit besten Zukunftsaussichten. Sie eröffnete mit ihrer Freundin Sophia Goudstikker ein Fotoatelier – das „Atelier Elvira“ – in München, das mit eindrucksvollen Porträts großen Erfolg in Künstlerkreisen und bei Frauen hatte.

Ab 1889 nahm Anita Augspurg Kontakt zu der Frauenrechtlerin Hedwig Kettler in Weimar auf und wurde Mitglied in deren Verein „Deutscher Frauenverein Reform“. Der Verein setzte sich für das Frauenstudium ein. Außerdem trat sie der 1890 in München gegründeten „Gesellschaft für modernes Leben“ bei. In beiden Vereinen trat sie öffentlich als Rednerin auf und erregte bereits viel Aufsehen. Spätestens jetzt begann Anita Augspurg sich in der Frauenbewegung und für Frauenrechte zu engagieren. Schließlich gab sie die Fotografie auf und wollte ebenfalls eine akademische Ausbildung absolvieren.

Da Frauen noch keine deutschen Universitäten besuchen durften, studierte sie ab 1893 Jura in Zürich, promovierte als 40-Jährige 1897 zur ersten Dr. jur. Deutschlands und reihte sich als Pionierin ein in die kleine Schar studierter Frauen. Ihre Kenntnisse und Erfahrungen nutzte Anita Augspurg dann in der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie brachte Petitionen und Gesetzesvorlagen in den Reichstag ein, gründete Frauenvereine, trat in der Öffentlichkeit als ausdrucksstarke Rednerin auf und verfasste viele frauen-politische Beiträge für Zeitschriften und Zeitungen.

Seit 1890 engagierte sich Anita Augspurg führend im radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung. Die „Radikalen“ gingen von einer naturrechtlichen Gleichheit von Männern und Frauen aus. Als „Radikale“ stritt auch Anita Augspurg im Frauenverein „Reform“ für „Gleiche Bildung für Mann und Frau“.

1893 eröffnete der Verein das erste deutsche Mädchengymnasium in Karlsruhe. Die deutschen Länder, in denen Frauen ab 1900 endgültig das Recht auf Abitur und Studium erhielten, zementierten allerdings eine spezielle weibliche Form gymnasialer Mädchenbildung, die erst nach 1945 durch die sogenannte Koedukation abgeschafft wurde.

Die „radikale“ Anita Augspurg forderte außerdem die politische Partizipation von Frauen. 1902 gründete sie den „Deutschen Verband für das Frauenstimmrecht“ mit und gab von 1907-12 die „Zeitschrift für Frauenstimmrecht“ heraus. Nachdem die deutschen Frauen 1918 das Wahlrecht erhalten hatten, gehörte Anita Augspurg dem provisorischen Parlament der Bayerischen Räterepublik an.

Ab Ende der 1880er Jahre fiel Anita Augspurg selbst in der Münchner Bohème durch „unerhörtes Auftreten“ auf: mit Kurzhaarschnitt und Hut, in Hose, radelnd und reitend, später Auto fahrend. Mit ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann bezog sie 1907 eine gemeinsame Wohnung in München; einige Jahre bewirtschafteten sie zudem zwei Bauernhöfe in Oberbayern. Das „schillerndste Paar der bürgerlichen Frauenbewegung“ durchlebte gemeinsam vier kämpferische Jahrzehnte.

Anita Augspurg vertrat auch Forderungen, die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfüllt wurden und teilweise noch aktuell sind. 1896 verurteilte sie öffentlich die alleinige Verfügungs- und Entscheidungsgewalt des Ehemanns über seine Ehefrau, Kinder und Vermögen. Diese „juristische Missgeburt“, wie sie es nannte, wurde im Ehe- und Familienrecht endgültig 1977 durch das „Partnerschaftsprinzip“ abgelöst.

1905 schlug sie vor, die staatliche Eheschließung zu verweigern, freie Ehen zu vereinbaren und die Mutterschaft nicht an eine Ehe zu binden. Diese Ansinnen fanden in der bundesdeutschen Gesellschaft erst seit den 1970er Jahren stärkere Akzeptanz.

Anita Augspurg und Lida G. Heymann gehörten zu den wenigen mutigen Frauen, die sich gegen den Krieg stellten und deshalb als „Volksverräterinnen“ beschimpft wurden. Sie initiierten 1915 die „Internationale Frauenfriedenskonferenz“ in Den Haag mit, engagierten sich in der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ und widmeten sich von 1919-33 mit ihrer Zeitschrift „Die Frau im Staat“ der Völkerverständigung sowie der Friedens- und Frauenpolitik.

Weitsichtig erkannten Augspurg und Heymann die Gefahren des Nationalsozialismus. 1923 forderten sie erfolglos die Ausweisung Adolf Hitlers aus Bayern. Von den Nationalsozialisten auf die Liste der zu liquidierenden Personen gesetzt, mussten sie seit 1933 ohne Besitz und Vermögen zurückgezogen im Schweizer Exil leben.

Anita Augspurg starb 86-jährig am 20. Dezember 1943 in Zürich.

Kulturtouristische Angebote

Rundgang für selbstorganisierte Touren
Anita Augspurg. Spuren in Verden
Faltblatt für selbstorganisierte Touren > zum Herunterladen
oder bestellen: kathrin.packham@verden.de

Stadtführung
Anita Augspurg - ein besonderer Rundgang
Anita Augspurg war Schauspielerin, Fotografin, Juristin, Lehrerin, Publizistin, Frauenrechtlerin, Pazifistin und gebürtige Verdenerin. Sie "ver-rückte" die Frauenrechte und stritt für das Frauenwahlrecht. Erleben Sie den Lebensweg dieser interessanten Frau, die 1857 in Verden geboren wurde.
Termin und Uhrzeit nach Wunsch während der Öffnungszeiten des Domes und des Rathauses.
Dauer: ca. 1,5 - 2 Stunden
Teilnehmerzahl: max. 25 Personen pro Gruppe
Kosten: 90,00 € pro Gruppe
Kontakt und Anmeldung: Stadt Verden - Tourist-Info
Tel. 04231 - 12345, E-Mail: touristik@verden.de
Mehr Informationen auf der > Website

 

Stadtführung
Verdens starke Frauenführung
Sie waren u. a. Bürgermeisterin, Vizepräsidentin des Landgerichts, Deutsche Meisterin im Springreiten... Bei diesem Rundgang durch die Verdener Altstadt lernen Sie die weibliche Seite der Stadt kennen und erfahren viel über die prominenten Damen der Stadtgeschichte. Herrscherinnen, die Einfluss auf unsere Stadt genommen haben, "Hexen", deren grausames Schicksal uns auch heute noch berührt, aber auch Vorfahrinnen, die um mehr Rechte für Frauen gerungen haben, damit Frauen heute wählen gehen, studieren und selbst entscheiden dürfen, ob sie arbeiten möchten. Frauen wie Kaiserin Theophanu, Anita Augspurg , Königin Christina von Schweden, Herzogin Charlotte Sophia von Kurland haben großen Einfluss auf die Stadtgeschichte genommen. Aber auch weniger "offensichtliche Frauenpower" wird aus den Geschichtskladden hervorgezaubert.
Kontakt und Anmeldung: Stadt Verden - Tourist-Info
Tel. 04231 - 12345, E-Mail: touristik@verden.de
Mehr Informationen auf der > Website


Anita Augspurg im Deutschen Pferdemuseum Verden
> www.dpm-verden.de

Anita Augspurg im Film

„Mir nach. Anita Augspurg in Verden“

Der 30minütige Film vermittelt – durchaus mit Humor – die inspirierende Biografie der aus Verden stammenden Frauenrechtlerin Dr. Anita Augspurg (1857-1943). Durch den Vergleich von damals und heute wird deutlich, was gesellschaftlich bisher erreicht wurde und wo es „noch ordentlich zu tun gibt“. Zum Inhalt: Anita Augspurg trifft im Spielfilm auf die junge Verdenerin Alina, die sie auf einen Rundgang durch das heutige Verden mitnimmt. Die historische Altstadt des ersten Niedersächsischen frauenORTS ist der Raum, in dem Augspurg sich als Kind und junge Frau bewegte und ihre streitbare Persönlichkeit entwickelte. An biographisch für sie bedeutsamen Orten sprechen die beiden Frauen über diverse gesellschaftliche Themen, wie die freie Berufswahl oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, häusliche Gewalt und die Parität in Parlamenten.

Produktion: Stadt Verden (Aller) und Verein „Anita Augspurg Verden“

 

Anita Auspurg auf der Bühne

Lebendige Frauengeschichte in Inszenierungen mit der Schauspielerin Birgit Scheibe

Neunzehn Eins Neunzehn Neunzehn, Anita Augspurg und das Frauenwahlrecht

Das Theaterstück von F. Thomas Gatter wurde von der Regisseurin Susanne Baum inszeniert. Die Bühnenmusikerin und Komponistin Karin Christoph begleitet das Stück musikalisch mit Akkordeon, Geige und Gesang.

Mach das Buch zu - heirate mich. Anita Augspurg - ein Lebensmonolog
und
Anilid. Anita Augspurg im Exil
Beide Theaterstücke sind Solostücke mit kleinem Bühnenbild. Die Szenen der Theaterstücke sind auch einzeln spielbar. Anita Augspurg auf der Bühne wurde für das Tourneetheater konzipiert. Die Inhalte einzelner Szenen lassen sich als Rahmenprogramm bei Tagungen, Abendveranstaltungen, Vorträgen oder Seminaren einplanen.

Kontaktperson für Buchungen: Christine Borchers
E-Mail: christine.borchers@posteo.de; Tel. 0421 - 79465044


Anita Augspurg im Netz

Der Verein Anita Augspurg Verden e.V. präsentiert Informationen zu der streitbaren Verdenerin, dem Verein und mehr:
http://anita-augspurg.de/

Das Projekt Lernort Demokratie in Verden:
https://www.syndikatshof-verden.de/
https://www.demokratie-geschichte.de/koepfe/


Der frauenORT Anita Augspurg in Verden wurde im April 2008 in Kooperation mit dem Kreisfrauenrat und den Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises und der Stadt Verden eröffnet.

hoch