Elke Jöchner,
Gleichstellungsreferat
Schriftstellerin von Weltrang, anerkannte Historikerin, überzeugte Pazifistin und Europäerin. Die gebürtige Braunschweigerin wurde als erste Frau 1926 in die Preußische Akademie der Künste berufen, trat aber 1933 aus Protest gegen die Nationalsozialisten wieder aus. Couragiert bezog Ricarda Huch Stellung gegen Intoleranz, Antisemitismus und einseitigen Nationalismus. In ihren historischen Werken beschäftigte sie sich mit Freiheitsbewegungen in Italien, Russland und Deutschland.
Ricarda Huch, 1864 in Braunschweig geboren, entstammte einer Braunschweiger Kaufmannsfamilie und fand ihren Weg zu akademischer Bildung, obwohl Frauen in Deutschland ein Hochschulzugang noch verwehrt war.
Ab 1888 studierte Ricarda Huch Geschichte und Philosophie an der Universität Zürich und erwarb ihren Abschluss als Lehrerin, als ein Frauenstudium in Deutschland noch nicht möglich war. 1892 wurde sie als erste deutsche Historikerin promoviert. Neben ersten Tätigkeiten als Bibliothekarin, Lehrerin und Journalistin, veröffentlichte sie bereits Gedichte und Erzählungen. Ihr späteres Werk umfasste fast alle literarischen Genres. Für Thomas Mann war sie 1924 »die erste Frau Deutschlands, wahrscheinlich die erste Europas«.
Sie ging zwei Ehen ein und wurde Mutter einer Tochter.
1926 wurde sie als erste und einzige Frau in die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste aufgenommen und erhielt 1931 die damals höchste deutsche Auszeichnung für Schriftsteller*innen, den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main.
Noch vor der Gleichschaltung der Preußischen Akademie der Künste trat sie aus Protest gegen das nationalsozialistische Regime aus. Dessen Opfer würdigte sie als eine der Ersten in ihren unvollendeten „Bildern deutscher Widerstandskämpfer“. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verweigerte sie die durch Gottfried Benn entworfene und von den Mitgliedern der Akademie geforderte Loyalitätserklärung zum neuen Regime und trat demonstrativ unter öffentlichem Protest gegen die Nationalsozialisten aus der Akademie aus.
Mit dem 1934 erschienenen ersten Band ihrer Deutschen Geschichte übte Ricarda Huch sehr subtil Kritik am Nationalsozialismus. Mit ihrem Ideal des »Deutschen Reiches« im Mittelalter entwickelte Ricarda Huch ihren aktuellen Gesellschaftsentwurf, der entscheidend bestimmt wurde durch die Idee der Freiheit, Antiimperialismus und uneingeschränkte Toleranz. Damit stellte sich Ricarda Huch gegen jegliche offizielle Geschichtsschreibung jener Zeit, in der ihre Deutsche Geschichte entstand. Sie entlarvte die Reichsideologie der Nationalsozialisten auf subtile Weise, worauf die Kritik heftig reagierte: »Im Deutschland Adolf Hitlers ist für Magierinnen dieser Art heute kein Platz mehr«. Ricarda Huch hatte damit viel gewagt, letztlich aber doch gewonnen. Sie blieb in Deutschland.
Sie erhob als Erste ihre Stimme, als nach 1945 Widerstandskämpfer, vor allem die des 20. Juli, noch als »Vaterlandsverräter« verunglimpft wurden. Die braunschweigische Historikerin und Literatin würdigte schon wenige Wochen nach dem Attentat mit einem Gedicht »An unsere Märtyrer« die hingerichteten Opfer. Ricarda Huch hatte die Notwendigkeit des gedenkenden Erinnerns bereits 1946 erkannt, als sie die Öffentlichkeit aufforderte, zur Kenntnis zu nehmen, dass der menschenverachtende Naziterror nicht alleine das Bild Deutschlands bestimmt, sondern auch Widerstand gegen das Regime bestanden hatte.
In der deutschen Presse startete sie einen Aufruf, alles nur erhaltene Material zu sammeln, um den im Kampf gegen Hitler und das Naziregime ums Leben gekommenen »Märtyrern«, aber auch dem deutschen Volk, ein Gedenkbuch zu erstellen, »damit das deutsche Volk daran einen Schatz besitze, der es mitten im Elend noch reich macht« und setzte den Widerstandskämpfern gegen das nationalsozialistische Regime ein literarisches Denkmal.
1947starb sie in Kronberg im Taunus.
In ihren Studien zu europäischen Freiheitsbewegungen verband Ricarda Huch freies Erzählen und historische Dokumentation – und schuf damit eine neue Art der Geschichtsvermittlung. Obwohl ihre Sicht auf Politik und Gesellschaft als konservativ galt, entwickelte sie die äußerst moderne Idee einer geschlechtsneutralen Kunst.
Der Ricarda-Huch Preis der Stadt Darmstadt ehrt heute Schriftstellerinnen und Schriftsteller für unabhängiges Denken und mutiges Handeln.
Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Ricarda Huch - Ein Spaziergang durch ihre Stadt
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Stadtführung
Lebensstationen in Braunschweig – Auf den Spuren von Ricarda Huch
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Erinnerungstafel für Ricarda Huch
Am Bruchtorwall 3
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Bronze-Büste der Künstlerin Jutta Wrede
Ricarda-Huch-Schule, Mendelssohnstr. 6
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Zur Organisationsgruppe Braunschweig gehören neben dem Gleichstellungsreferat der Stadt auch die städtische Abteilung Literatur und Musik, der Arbeitskreis Andere Geschichte e.V., die Braunschweiger Ricarda-Huch-Schule und der DGB.
Der frauenORT Ricarda Huch wurde in Kooperation mit dem Gleichstellungsreferat der Stadt Braunschweig im April 2010 eröffnet.