Heike Grotheer
Gleichstellungsbeauftragte Gemeinde Worpswede
Sie gilt als Wegbereiterin des deutschen Expressionismus. Als „Malweib“ belächelt, blieb ihr die Anerkennung zu Lebzeiten verwehrt. Mit Willenskraft und Mut, persönliche Einschränkungen hinnehmend, entwickelte die junge Frau ihren eigenen künstlerischen Ausdruck. Im Sommer 1897 hielt sie sich erstmals in Worpswede auf, 1901 heiratete sie den Maler Otto Modersohn. Inspiriert durch Studienaufenthalte in Paris entstanden bahnbrechende Werke. Bäuerliche Frauen und Kinder, Selbstbildnisse – sie ist die erste Frau, die sich als Akt selbst malte – und Stillleben bestimmen ihre Motivwahl. Paula Modersohn-Becker starb wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde mit nur 31 Jahren an einer Embolie. Posthum trat ihr immens großes Schaffenswerk zutage.
Paula Becker wurde als drittes Kind von sieben Geschwistern am 08.02.1876 in Dresden geboren. Ihre Mutter Mathilde entstammte einer Adelsfamilie, ihr Vater war der Ingenieur Carl Woldemar Becker. Gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der Familie lebten sie Ende des 19. Jahrhunderts in Dresden, waren aber durch ihre Herkunft und breite Sprachkenntnisse weltoffen.
Bereits in der Erziehung der Kinder der Familie Becker spielten Kunst, Literatur und Musik eine große Rolle, und Paula kam früh damit in Berührung. 1888 trat der Vater eine Stelle als städtischer Baurat in Bremen an und die Familie zog in die Hansestadt um. In dem neuen Heim in Bremen hatte Paula Becker mit 12 Jahren ihr erstes eigenes Atelier. Die Familie pflegte einen engen Kontakt zu den künstlerischen Kreisen in und um Bremen.
Während eines Aufenthaltes bei Verwandten in England im Sommer 1892, besuchte sie die private Kunstschule St. John’s Wood Art School, in der sie nach Gipsmodellen zeichnen lernte. Wieder zurück in Bremen absolvierte Paula auf Wunsch ihrer Eltern von 1893 bis 1895 eine Ausbildung zur Lehrerin am Lehrerinnenseminar in Bremen und bestand 1895 ihr Examen. Während dieser Zeit nahm sie weiter Mal- und Zeichenunterricht, malte Porträts ihrer Geschwister und 1893 ihr erstes Selbstporträt. Eine Studienreise nach Norwegen zu den Orten der Malerei Edvard Munchs war die Belohnung für ihren Studienabschluss.
Als die Worpsweder Künstler Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Fritz Overbeck, Hans am Ende und Heinrich Vogeler im Frühjahr 1893 ihre Werke in der Kunsthalle Bremen ausstellten, kam Paula Becker das erste Mal mit der Kunst aus Worpswede in Berührung.
Paula Becker konnte ihre Studien im Malen und Zeichnen fortführen, indem sie im Frühjahr 1896 in Berlin an einem sechswöchigen Kurs an der Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen teilnahm. Dieser Ausbildung schloss sich eine 1 ½-jährige Ausbildung in Porträt-, Akt- und Landschaftsmalerei an. Die Familie ihrer Mutter unterstützte sie während ihrer künstlerischen Ausbildung.
Im Sommer 1897 unternahm die Familie Becker einen Ausflug nach Worpswede. In der Folge blieben Paula und eine befreundete Malerin einige Wochen dort. Paula nahm Unterricht bei dem Maler Fritz Mackensen und siedelte 1898 endgültig nach Worpswede um. 1901 heiratete sie den verwitweten Otto Modersohn, der eine Tochter mit in die Ehe brachte. Auch nach der Eheschließung reiste sie von 1900-1907 wiederholt nach Paris und setzte ihr Studium an der Akademie Colarosse und der École des Beaux-Arts fort. Stark beeinflussten sie die Werke von Paul Cézanne und Paul Gauguin, sie erkannte als eine der ersten deutschen Künstlerinnen und Künstler die Bedeutung dieser beiden Maler.
Die kompromisslose Verfolgung ihrer künstlerischen Tätigkeit führte zu Spannungen in der Ehe mit Otto Modersohn. 1906 trennte sich das Paar, Paula Modersohn-Becker siedelte nach Paris um und richtete sich dort ein eigenes Atelier ein. Nicht zuletzt wirtschaftliche Schwierigkeiten führten zu der Versöhnung mit Otto Modersohn, der Wiederaufnahme der Ehe und schließlich zu einer lang erhofften Schwangerschaft und der Geburt der Tochter Mathilde im November 1907. Bereits wenige Tage nach der Geburt, am 20. November 1907, starb Paula Modersohn-Becker in Worpswede an einer Embolie.
Posthum wurde ihr großes Werk bekannt: Sie hatte bäuerliche Frauen und Kinder dargestellt, Menschen aus dem benachbarten Worpsweder Armenhaus gemalt, Stillleben und Selbstbildnisse geschaffen. Als erste Malerin überhaupt schuf sie ein Selbstbildnis als Akt.
Sie gilt als die Wegbereiterin des deutschen Expressionismus, die in Briefen und Tagebüchern einen tiefen Einblick in ihren inneren Kampf als Frau und als Künstlerin gewährt hat. 1927 wurde in Bremen das weltweit erste Museum, das einzig einer Künstlerin gewidmet ist, eröffnet: Das Paula-Modersohn-Becker-Museum.
In Worpswede zeigen heute ebenfalls unterschiedliche Museen Teile ihres Werkes.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
Weitere Informationen zu Paula Modersohn-Becker in diesem > Flyer.
Ortsführung
Paula Modersohn-Becker
Touristik Worpswede
info@worpswede-touristik.de, Tel. 04792 935820
Geführte Touren
Paulas Modersohn-Becker - Leben! Arbeit!
Künstlerdorf Worpswede
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Flyer & Rundgang zum Selbstentdecken
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Ausstellung
Museum am Modersohn-Haus
mit Gedenktafel zu Paula Modersohn-Becker,
Hembergstr. 19, Worpswede
> www.museum-modersohn.de
Filmbeitrag
Der frauenORT Paula Modersohn-Becker
> Videoclip zum Ansehen bei YouTube [HIER]
Die Würdigung von Paula Modersohn-Becker in Worpswede ist eine Kooperation des Landesfrauenrates Niedersachsen e.V. mit der Gleichstellungsbeauftragten und der Kulturbeauftragten der Gemeinde Worpswede, dem Verein zur Kunst und Kulturförderung Worpswede e.V. und dem Museum am Modersohn-Haus. Der frauenORT wurde am 26. März 2021 eröffnet.