Hermine Overbeck-Rohte

„Da packte mich die Sehn­sucht nach der Kunst dermaßen, dass ich meine Nadel und Zwirn und den gan­zen Nähkram...

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frauenORT Kontakt:

Thorsten Neubert-Preine M.A.

Stadtarchiv Walsrode

 

 

 

Bereits als junge Frau ist ihr Wunsch geweckt, Malerin zu werden – von Seiten der Familie bleibt ihr dieser Weg zunächst verwehrt. Selbstbewusst erkämpft sich Hermine Rohte ein beträchtliches Maß an Selbständigkeit, bildet sich auf eigene Kosten künstlerisch weiter, studiert Malerei und sucht sich gezielt Meister*innen, um ihre Maltechnik voranzubringen.

In ihrer Ehe mit dem berühmten Maler Fritz Overbeck erstreitet sie sich die Anerkennung für ihre fachliche Urteilskraft und ihr künstlerisches Talent, sowie seine Unterstützung für ihr künstlerisches Wirken. Trotz persönlicher Schicksalsschläge wie schwerer Erkrankung und dem frühen Tod ihres Mannes, sowie der Sorgearbeit für die Familie, hält Hermine ein eigenes Atelier. Erst nach ihrem Tod tritt ihr umfangreiches eigenes Schaffenswerk zutage und setzt ihr Ruhm als Malerin ein.

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Lebenslauf

Das Leben von Hermine Rohte spiegelt vieles über die Rollenbilder des 19. Jahrhunderts wider. Als sie am 24. Januar 1869 als jüngstes Kind des Lederfabrikanten Carl Heinrich Rohte und seiner Frau in Walsrode geboren wurde, schien ihr Lebensweg als Hausfrau und Mutter vorgezeichnet zu sein. Hermine entwickelte jedoch eigenen Vorstellungen, sie wollte Kunst studieren und professionelle Malerin werden.

Nach dem frühen Tod ihres Vaters war ihr älterer Bruder als ihr Vormund bestellt, der ihr eine künstlerische Ausbildung zunächst verwehrte. Bei ihrer Schwester in Itzehoe lernte die 14-jährige Hermine ab 1883 Hauswirtschaft, war aber auch danach nicht bereit, den Lebensweg der Ehe- und Hausfrau einzuschlagen. Stattdessen ging sie nach Hannover und absolvierte in der Diakonissenanstalt eine Ausbildung zur Krankenschwester. Bereits in Hannover nahm sie, die nun über ein eigenes Einkommen verfügte, Malunterricht beim Landschaftsmaler Paul Koken. Er förderte ihr Talent und ermutigte sie zur künstlerischen Arbeit. Auf seinen Einfluss ist Hermine Rohtes Beschäftigung mit der Fotografie – damals noch ein ganz neues Medium – zurückzuführen, die ihr eigene Wege der Darstellung ermöglichte. Nach ihrer Zeit in Hannover nahm sie eine Berufstätigkeit als Erzieherin im Göttinger Professorenhaushalt Bürkner an.

Schon recht bald zeigten sich erste künstlerische Erfolge. Bereits 1892 konnte Hermine Rohte eines ihrer Gemälde nach einer Ausstellung im Kunstverein Hannover verkaufen. Das neu gewonnene Selbstbewusstsein ermöglichte es ihr, in ihrer Familie ein Studium der Malerei durchzusetzen. Vier Jahre lang studierte sie an der „Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins“ Landschafts- und Stilllebenmalerei.

Im Münchner Glaspalast besuchte sie 1896 eine Ausstellung der Worpsweder Künstler und war beeindruckt von dem Gemälde des Malers Fritz Overbeck „Abend im Moor“. Gemeinsam mit ihrer Freundin Marie Bock reiste sie nach Worpswede, um bei ihm Unterricht zu nehmen. Die Entdeckung der Worpsweder Maler und die Bekanntschaft mit Fritz Overbeck wurden richtungweisend für ihr weiteres Leben: Hermine und Fritz wurden ein Paar und verlobten sich bereits nach drei Monaten.1897 heirateten Hermine Rohte und Fritz Overbeck und lebten seit dem Zeitpunkt gemeinsam im Künstlerdorf Worpswede.

Mit der Ehe, den häuslichen Aufgaben und der kommenden Mutterschaft begann ein Ringen um die künstlerische Tätigkeit Hermine Rohtes. Fritz Overbeck wollte seiner zukünftigen Ehefrau das Malen zwar ermöglichen, jedoch fühlte sich Hermine Rothe von ihm nicht in dem Maße ernstgenommen, wie sie es sich wünschte. In einem 13 Jahre währenden intensiven Briefwechsel diskutierten beide Eheleute künstlerische Fragen, Rollenerwartungen und Kompetenzen.

Es half beiden, als Hermine als Malerin für sich das Alter Ego „Hermann“ einführte. Im Austausch über künstlerische Dinge brachte sich Hermine als „Hermann“ gleichberechtigt ein. Der für seine Zeit durchaus liberal gesinnte Fritz Overbeck akzeptierte seine Ehefrau als Malerin so weit, dass er für sie ein eigenes Atelier einrichtete. In Worpswede erschuf Hermine Overbeck-Rohte in den ersten Ehejahren einige wichtige Werke. Darüber hinaus bekam sie drei Kinder, 1898 Sohn Fritz Theodor, 1900 ein weiteres Kind, dass noch im Säuglingsalter verstarb und 1903 Tochter Gerda.

Bereits 1904 war Hermine Overbeck-Rohte gesundheitlich beeinträchtigt. Sie erkrankte an Lungentuberkulose und musste sich einer Liegekur unterziehen. Fritz Overbeck konstruierte daraufhin eine Staffelei für sie, die es ihr ermöglichte, liegend zu malen. Ihr Œuvre wandelte sich aufgrund ihrer Situation von der Landschaftsmalerei hin zu Stillleben. Als die Familie im Juli 1905 die Künstlerkolonie Worpswede verließ und nach Vegesack (heute Bremen) zog, war auch im neuen Haus ein Atelier für Hermine Overbeck-Rohte vorgesehen.

Hermine Overbeck-Rohte wurde nie wieder vollständig gesund. 1908/09 zwang sie ein erneuter Ausbruch der Tuberkulose zu einem mehrmonatigen Aufenthalt in Davos, aus dem sie zwar geheilt, aber gesundheitlich eingeschränkt zurückkehrte, da ihr ein Lungenflügel hatte entfernt werden müssen. Drei Tage nach ihrer Rückkehr nach Bremen verstarb unerwartet ihr Ehemann Fritz Overbeck am 8. Juni 1909 an einem Hirnschlag.

Seit diesen Schicksalsschlägen verstand sie sich als Nachlassverwalterin seines Werkes und kümmerte sich um die gemeinsamen Kinder, die zum Todeszeitpunkt ihres Vaters 11 und 6 Jahre alt waren. Ihrer eigenen Malerei widmete sich Hermine Overbeck-Rohte seit dem Zeitpunkt nur noch, wenn ihre Zeit es erlaubte. In Urlauben auf Sylt oder Föhr entstanden Ölgemälde der nordfriesischen Landschaften.

Hermine Overbeck-Rohte überlebte ihren Mann um 28 Jahre und verstarb am 29. Juli 1937 in Bremen an den Folgen eines Autounfalls. Beide wurden auf dem Waller Friedhof in Bremen beigesetzt. Ihre Kinder fanden im Nachlass der Eltern nicht nur die Gemälde ihres Vaters, sondern waren tief berührt, als ihnen bewusst wurde, dass auch ihre Mutter eine große Malerin gewesen war. Sie hatten sie nicht als solche wahrgenommen: „Wir standen erschüttert: Welch eine wunderbare Malerin ist Hermine Overbeck-Rohte gewesen!“ Mit der Gründung des Overbeck-Museums 1990 in Bremen gelangten ihre Werke erstmals an die Öffentlichkeit und sie erfuhr posthum die Ehrung, die ihr zu Lebzeiten verwehrt geblieben war. 2023 wurde in ihrem Geburtsort Walsrode eine Straße nach ihr benannt.


Text: Dr. Gudrun Heuschen

Kulturtouristische Angebote:

Mehr Informationen zum Leben der Künstlerin im Flyer:
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Informationen auf der > Website des FORUM Bomlitz


Stadtführung
„Hermine“
Verein der GästeführerInnen im Heidekreis
Kontakt und Buchung:
ina.tietjen-heil@web.de
Tel. 05161 911305


Ausstellung
Heidemuseum Rischmannshof Walsrode
Hermann-Löns-Straße 8, Walsrode
Tel. 05161/4810887
> heidemuseum-walsrode.de

Der frauenORT Hermine Overbeck-Rohte ist in Kooperation mit der Stadt Walsrode, dem > Overbeck-Museum Bremen, dem Zweckverband Vogelpark-Region, den GästeführerInnen im Heidekreis, dem Heidemuseum Walsrode und dem > FORUM Bomlitz entstanden und wurde am 24. November 2023 eröffnet.

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