Susanna Abraham

„Mein [...] bürger­li­ches Wohn­haus nebst Zubehör ver­ma­che ich der hie­si­gen Gemeinde zu einer Syn­agoge und...

 vollständiges Zitat
frauenORT Kontakt:

Patricia Berger
Kreisarchiv Nienburg

frauenORT Kontakt:

Editha Schwohl-Masberg
GB Stadt Nienburg/Weser

 

Kauffrau und Stifterin – ab 1792 entwickelte die jüdische Witwe Susanna Abraham ihren Ellenwarenhandel zu einem „der ersten hiesigen Handelshäuser“. Beinahe 30 Jahre lang bis zu ihrem Tod musste sie sich der männlichen christlichen Konkurrenz erwehren, die ihren Handel kleinhalten und einschränken wollte. Ihr starkes Engagement in der jüdischen Gemeinde war von zentraler Bedeutung, ihre Stiftung die umfangreichste. Sie ermöglichte den Bau einer Synagoge, und in ihrem Wohnhaus wurde eine Schule eingerichtet. In der Reichspogromnacht 1938 wurde die Synagoge zerstört. Susanna Abrahams Wohnhaus ist noch im Stadtbild erhalten.

mehr lesen

Lebenslauf

Susanna Abraham, geborene Heine, entstammte einer alteingesessenen Nienburger Familie von Händlerinnen und Händlern. Sisge – so vermutlich Susanna Abrahams tatsächlicher Name – wurde zwischen 1744 und 1746 als zweitältestes von fünf Kindern der Eheleute Röschen und Joseph Heine in Nienburg geboren.

Bereits ihre Großeltern Franchen und Salomon Alexander hatten sich in Nienburg angesiedelt, ein Schutzbrief für den Großvater von 1717 ist überliefert. Ein solches Dokument mussten Menschen jüdischen Glaubens bei der jeweiligen Obrigkeit beantragen, um das Recht auf Niederlassung und Nahrungserwerb in eingeschränktem Maße zu erhalten.

Um 1765 heiratete sie den aus Drakenburg stammenden Marcus Abraham, die Ehe blieb kinderlos. Nach dessen Tod 1792 führte sie mit Ende Vierzig den Ellenwarenhandel allein weiter und wurde im Wirtschaftsleben der Stadt Nienburg eine äußerst erfolgreiche Kauffrau.

Susanna Abraham war eine Ausnahmehändlerin. Im Gegensatz zu den vielen jüdischen Frauen, die aus Gründen der existenziellen Sicherung das Geschäft ihres Mannes als Witwen bis zur Geschäftsfähigkeit des ältesten Sohnes weiterführten und sich dann wieder zurückzogen, baute die Witwe Marcus Abraham ihren Warenhandel zu einem der „ersten Handelshäuser“ in Nienburg aus. Schriftliche Dokumente belegen, dass sie ihr Geschäft gegenüber dem Magistrat der Stadt, der Kramergilde und den Handelspartnern selbstbewusst vertrat. Unterstützt wurde sie von Handelsgehilfen, zumeist ihren Neffen.

Das Geheimnis ihres wirtschaftlichen Erfolges lag darin, dass ihr Handel auf einem verwandtschaftlich strukturierten Netzwerk basierte, sie weitreichende Geschäftsbeziehungen knüpfte und über langjährige Handelserfahrung verfügte. Noch wenige Jahre vor ihrem Tod, gelang es ihr 1815, die wichtige Konzession zum Handel mit wollenen Waren zu erhalten. Damit war sie mit ihrem Warenangebot den christlichen Händlern gleichgestellt, ein erheblicher Vorteil gegenüber der örtlichen jüdischen Konkurrenz. Dieses „Privileg“ musste sie mit einer jährlichen Abfindungszahlung in die Lade des Krameramtes ausgleichen, ohne jedoch Mitglied der Gilde werden oder sich bei deren Versammlungen vertreten lassen zu dürfen.

Ihr geschäftlicher Erfolg rief Neid, Missgunst und auch Ängste hervor. Immer wieder musste sie sich des Vorwurfs des verbotenen Hausierhandels erwehren. Eingaben der christlichen und der jüdischen Händler führten dazu, dass Susanna Abraham ihr Handelshaus nicht, wie sie es geplant hatte, an ihren Neffen übergeben konnte. Mit ihrem Tode im Juni 1821 erlosch ihr Handelshaus.

Susanna Abraham wurde etwa 75 Jahre alt. Ihr Leben vermittelt Einsichten in eine weibliche jüdische Existenz des 18./19. Jahrhunderts. Dabei zeigen ihre tatkräftige, couragierte Art, ihr taktisches Geschick, ihr ökonomischer Erfolg und ihre Individualität schon fast einen modernen Lebenslauf.


Text: Patricia Berger

Kulturtouristische Angebote

Dauerausstellung zu Susanna Abraham
im Rathaus Nienburg, mit Multimedia-Station. Zu besichtigen während der Öffnungszeiten des Rathauses
und eine > Kurzbiografie

Hörbeitrag
Einen Hörbeitrag von NDR Kultur über die umtriebige und erfolgreiche Kauffrau finden Sie [HIER].

Rundgang
Susanna Abraham. Kauffrau und Stifterin der Synagoge
Faltblatt für selbstorganisierte Touren [HIER] zum Herunterladen.

Stadtführung
Von Gräfinnen, Bürgersfrauen und geschäftigen Witwen
Stadtrundgang durch Nienburg
über: Stadt- und Kreisarchiv, p.berger@nienburg.de


Weitere Informationen und Termine für geführte Touren:
Stadt- und Kreisarchiv, p.berger@nienburg.de

Literatur
Susanna Abraham... eines der ersten hiesigen Handelshäuser
Patricia Berger, in: Mark Feuerle, „Nienburg - Eine Stadtgeschichte“, 2010, über den Buchhandel erhältlich.

 

Der frauenORT Susanna Abraham in Nienburg/W. wurde in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Nienburg/W. und dem Stadt- und Kreisarchiv Nienburg/W. im September 2012 eröffnet.

hoch