Schwester Kunigunde

„Mein Ziel in der Erzie­hung ist, daß ich beson­ders den jun­gen Mädchen und Frauen ver­mit­teln möchte,...

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Annegret Schepers

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Schwester Kunigunde (bürgerlich Theresia Schepers) ging schon als junge Frau entschlossen ihren selbstbestimmten Weg. Sie entschied sich gegen eine eigene Familie, machte mit Hilfe der Kongregation eine Ausbildung und gehörte 1935 der ersten Generation staatlich geprüfter Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen an. Als Leiterin des Harener Kindergartens stellte sie viele Jahre eine öffentliche, Respekt genießende Persönlichkeit der Region dar. Durch ihren mutigen Einsatz wurde Haren 1945 gewaltfrei den kanadischen Truppen übergeben. Ab 1954 wirkte sie u.a. als Missionarin in Brasilien. 1979 gründete sie die erste Messdienerinnengruppe im Münsterland.

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Lebenslauf

Unkonventionell, mutig und pragmatisch, so kann die Ordensschwester Kunigunde wohl am ehesten beschrieben werden.

Geboren wurde sie im 1914 in Mesum (Landkreis Steinfurt) unter dem Namen Theresia Schepers als fünftes von sieben Geschwistern einer Handwerksfamilie. Da in der großen Familie die Mittel für die Ausbildung der Kinder nicht ausreichten, wandte sich Theresia einer katholischen Ordensgemeinschaft zu, den „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“. Die christlichen Frauen, die im Rahmen ihrer Ordenszugehörigkeit berufstätig waren, konnten für Mädchen, die einen Beruf ergreifen wollten und sich gegen eine eigene Familie entschieden, ein Vorbild sein.

Mit 16 Jahren begab sich Theresia Schepers in das Mutterhaus des Ordens nach Münster und absolvierte mit Hilfe der Ordensgemeinschaft eine Ausbildung als Erzieherin. Die Aussicht, Ordensschwester zu werden, versprach auch die Aussicht auf ein hohes Ansehen als „Frau Gottes“. Die Idee, als Missionarin in Übersee tätig zu sein, wird ihr bereits damals zugeschrieben. Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung 1935 legte Theresia ihr Gelübde ab und wurde damit zur Ordensfrau mit einem neuen Namen: Schwester Kunigunde.

1936 wurde sie vom Orden nach Haren an der Ems entsandt, um mit 22 Jahren den dortigen Kindergarten zu leiten. Bereits seit mehr als 60 Jahren betrieb der Katholische Orden hier einen Kindergarten und eine Mädchenschule. Obwohl die Nationalsozialistische Partei versuchte, ideologiekonforme Kindertagesstätten durchzusetzen und die christlichen Einrichtungen kritisch sah, gelang es dem Orden, die katholische Einrichtung zu schützen und zu bewahren.

Die letzten Kriegstage im April gestalteten sich für Haren dramatisch. Auch in diesen Tagen behielt Schwester Kunigunde einen kühlen Kopf und rettete die Stadt vor der vollständigen Zerstörung. In den Tagen vom 8. - 12. April 1945 nahmen kanadische Kampfeinheiten Haren unter Beschuss, da noch deutsche Truppen in der Stadt vermutet wurden. Die Stadt war bereits stark beschädigt, die Alliierten planten jedoch, Haren weitgehend zu zerstören, um einen sicheren Vormarsch zu gewährleisten. Dies konnte durch die Vermittlung eines in Haren lebenden Deutschamerikaners verhindert werden, der glaubwürdig versicherte, dass sich keine deutschen Soldaten mehr in der Stadt befänden.

Um ein Haar wäre die kontrollierte Übernahme der Stadt Haren durch die kanadischen Truppen gescheitert: Nach der Sprengung der Emsbrücke wurde ein anrückender kanadischer Panzerspähwagen durch eine Panzerfaust von deutscher Seite zerstört, die beiden Insassen kamen ums Leben. Kanadische Flieger griffen daraufhin die Stadt an und nahmen sie unter Beschuss. In dieser Situation ergriff Schwester Kunigunde die Initiative und schwenkte vom Turm des Domes ein weißes Bettlaken als Fahne, um den Angreifern die friedliche Kapitulation der Stadt Haren zu signalisieren. Für diesen mutigen Akt hätte sie des Vaterlandsverrates bezichtigt und standrechtlich erschossen werden können. Die Kampfflieger sahen das Zeichen und drehten ab – die Stadt Haren war der Zerstörung knapp entkommen.

Direkt nach Kriegsende (21. – 23. Mai 1945) wurde Haren für ca. 5000 polnische Militärangehörige und heimatvertriebene polnische Staatsangehörige geräumt und für einige Jahre in „Maczków“ umbenannt. Schwester Kunigunde blieb auch in dieser Zeit vor Ort und stand den Menschen aus Haren praktisch und seelsorgerisch in der Zeit der Evakuierung von 1945-1948 bei.

Nach der Zeit des Nationalsozialismus und den Kriegswirren, in denen sich Schwester Kunigunde um den Ort Haren (Ems) sehr verdient gemacht hatte, nahm sie verschiedene berufliche Tätigkeiten in Wesel, Kleve und Walsum wahr. Im Alter von 50 Jahren bekam sie die Gelegenheit, sich einen Jugendwunsch zu erfüllen. Sie wurde von ihrem Orden als Missionarin nach Brasilien entsandt. Selbst gesundheitliche Einschränkungen und sprachliche Barrieren schreckten sie nicht ab, jedoch entschied sie nach vierjährigem Dienst in Südamerika, dass sie aus gesundheitlichen Gründen und mangelnder sprachlicher Verständigung in Deutschland ihren Dienst besser verrichten konnte.

Sie arbeitete in verschiedenen Gemeinden in Deutschland. Unkonventionell und mutig blieb sie immer, z. B. wenn sie als Pfarramtshelferin und Pastoralassistentin in Meerbeck Hausbesuche mit dem Moped vornahm. Ihren Führerschein erwarb sie im Alter von 65 Jahren und war seitdem mit einem VW-Käfer dienstlich unterwegs.

Neben dem Dienst in der Gemeinde und der Betreuung aller Gemeindemitglieder war ihr insbesondere die Förderung junger Frauen eine Herzensangelegenheit. In einem Interview sagte sie in späteren Jahren: „Mein Ziel in der Erziehung ist, dass ich besonders den jungen Frauen vermitteln möchte, wie wichtig eine Ausbildung ist, damit sie besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben!“ In diesem Anliegen brach sie auch mit Konventionen der katholischen Kirche und trat aktiv für die Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen ein, als sie bereits Ende der 1970er Jahre Mädchen als Messdienerinnen ausbildete – offiziell gestattet die katholische Kirche dies erst seit 1994.

Mit 71 Jahren beendete Schwester Kunigunde im Jahr 1985 ihre Berufstätigkeit und verbrachte einige Jahre im Ruhestand im St. Anna-Stift in Stadtlohn. Haren, die Stadt, die ihr so viel zu verdanken hat, besuchte sie im Jahr 1995 noch einmal und erhielt dort die Ehrenurkunde der Stadt. Sie starb 1999 im Altenheim St. Loreto, in Horstmar/Leer. 2012 wurde der Platz hinter dem Emsländischen Dom in Haren (Ems) nach ihr benannt.


Text: Dr. Gudrun Heuschen


Flyer mit ausführlichen Informationen zum frauenORT Schwester Kunigunde > zum Download.

Kulturtouristische Angebote

Ortsrundgang
Auf den Spuren von Schwester Kunigunde
Rundgang zu ihren Wirkungsstätten mit einem Einblick in die Geschichte starker Frauen in Haren (Ems) in der Zeit von Anfang April bis Ende September. Wunschtermine für Gruppen auf Anfrage buchbar:
mail@touristinfo-haren.de

Auf Anfrage werden plattdeutsche Gästeführungen angeboten.


Museum Inselmühle
Die Ausstellung thematisiert die polnische Zeit in Haren (Ems) nach dem Zweiten Weltkrieg und widmet sich auch dem Wirken von Schwester Kunigunde sowie der Geschichte der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung in Haren.
> Haus der Harener Geschichte
Inselmühle 19, 49733 Haren (Ems)
Telefon: 05932 9976360


Geocaching
Auf den Spuren der Schwester Kunigunde
weitere Informationen: > geocaching.com


Kunigundentorte
Café am Dom


Jährlicher Gedenktag im April anlässlich des Todestages von Schwester Kunigunde
Es werden unterschiedliche Veranstaltungen wie Vorträge, Gespräche, Lesungen sowie Besuche historischer frauenORTE angeboten.

Literatur
„Schwester Kunigunde. Pionierin sozialer und seelsorglicher Arbeit aus Mesum“
von Franz Greiwe, in der 83. Ausgabe der Heimatzeitschrift Rheine - Gestern Heute Morgen,
Hrsg. Stadtarchiv Rheine.


Weitere Informationen:
Website des > Heimatvereins Haren (Ems)

 

Der frauenORT Schwester Kunigunde entstand in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Haren (Ems), der CDU-Frauen-Union Stadtverband Haren, dem Heimatverein Haren e.V. und dem Arbeitskreis frauenORT Schwester Kunigunde und wurde im Mai 2019 eröffnet.

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