Weitsichtig und entschlossen gab Recha Freier während des Nationalsozialismus mehr als 7.600 jüdischen Jugendlichen eine Zukunft und rettete sie vor dem sicheren Tod.
Die überzeugte Zionistin und studierte Pädagogin, deren Vater als Lehrer und Kantor in der Norder Synagogengemeinde gearbeitet hatte, gründete 1932 die Jugend-Aliyah in Berlin. Sie organisierte die Auswanderung von Kindern und Jugendlichen und ließ sie in der Landwirtschaft ausbilden. 1940 floh Recha Freier nach Israel. Dort baute sie ein landwirtschaftliches Ausbildungszentrum auf und förderte später Musikschaffende. Im Alter veröffentlichte sie Gedichte auf Deutsch und Hebräisch.
Es ist Recha Freier zu verdanken, dass tausende jüdische Kinder und Jugendliche aus dem nationalsozialistischen Deutschland gerettet werden konnten. Am 29. Oktober 1892 wurde sie als Recha Schweitzer in Norden in eine orthodoxe jüdische Familie geboren. Ihre Mutter war Lehrerin für Französisch und Englisch, ihr Vater war Kantor der Synagogengemeinde und unterrichtete an der jüdischen Volksschule.
Schon früh erfuhr Recha in ihrer Heimatstadt Norden Ausgrenzung aufgrund ihres jüdischen Glaubens. 1897, Recha war fünf Jahre alt, zog die Familie nach Schlesien, wo Recha in Breslau 1912 ihr Abitur und eine Prüfung als Religionslehrerin ablegte. Sie studierte in Breslau und München neue Sprachen und absolvierte das Staatsexamen als Lehrerin für Höhere Schulen.
Ihrer Eheschließung mit dem Rabbiner Dr. Moritz Freier 1919 folgte 1922 die Umsiedlung nach Sofia (Bulgarien), wo ihr Mann eine Stelle als Rabbiner annahm. Sie arbeitete als Lehrerin an einer deutschen Schule. In den Jahren 1920 bis 1929 bekam das Ehepaar drei Söhne und eine Tochter, 1925 zogen sie aufgrund neuer beruflicher Verpflichtungen ihres Mannes wieder nach Berlin. Moritz Freier wurde dort Oberrabbiner für drei Synagogen.
Bereits früh erkannte Recha Freier die Gefahren des Nationalsozialismus. Sie war eine Anhängerin der zionistischen Idee und überzeugt davon, dass die jüdische Gemeinschaft erst zur Ruhe kommen könne, wenn sie einen eigenen Staat bekäme. Bereits 1932 hat Recha Freier den ersten Transport jüdischer Jugendlicher, die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ihre Arbeit in Deutschland verloren hatten, organisiert. Am Tag der Machtübernahme der Nationalsozialisten, dem 30. Januar 1933 gründete sie in Berlin das „Hilfskomitee für jüdische Jugendliche“, die Kinder- und Jugend-Aliyah. Das hebräische Wort „Aliyah“ für „Aufstieg“ bezeichnet die Einwanderung nach Israel. Ziel der Vereinigung war es, jüdische Kinder und Jugendliche nach Palästina zu bringen, indem Einreisezertifikate und Schiffspassagen organisiert wurden, und sie auf ein Leben im Kibbuz vorzubereiten. Im September 1933 wurde die Kinder- und Jugend-Aliyah in die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ aufgenommen.
Während Recha Freiers Mann und die Söhne bereits in den Jahren 1936 bis 1939 nach England emigrierten, blieb sie mit ihrer Tochter zunächst in Deutschland. Ihre Tochter erinnert sich 2003 in einem Interview: „Sie hat immer gesagt, sie verlässt Deutschland erst mit dem letzten jüdischen Kind.“
Rechas teilweise unkonventionelles Vorgehen führte schließlich zum Bruch mit der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“: Nachdem sie versucht hatte, mit gefälschten Ausreisedokumenten polnische Juden aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zu befreien, wurde sie aller Ämter enthoben.
1940 wurde Recha Freiers Reisepass für ungültig erklärt und sie musste im Juli aus Deutschland fliehen, um einer Verhaftung zuvorzukommen. Ihre Flucht mit der Tochter Maayan führte sie über Wien nach Zagreb in Jugoslawien. Auch von hier setzte sie sich für die Ausreise von 120 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Deutschland ein. Von Zagreb aus gelangte sie 1941 nach Jerusalem, eine Mitarbeit im dortigen Büro der Jugend-Aliyah wurde ihr jedoch aufgrund persönlicher Differenzen versagt.
In Jerusalem setzte sich Recha Freier erneut für die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen ein. 1943 gründete sie ein Zentrum zur landwirtschaftlichen Ausbildung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen und eröffnete diesen dadurch die Chance auf ein Leben in den Kibbuzim.
Bis 1945 konnten fast 12.000 Kinder und Jugendliche aus Deutschland und Europa durch Auswanderung nach Palästina gerettet werden. Recha Freier verstarb am 2. April 1984 in Jerusalem.
Ihr Lebenswerk ist unter anderem 1975 durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Hebrew University in Jerusalem und des Israel-Preises 1981 gewürdigt worden. Ein Platz in Jerusalem trägt ebenso ihren Namen wie ein Kulturzentrum im Kibbuz Yakum. Außerdem erinnerte 2018 eine Sonderbriefmarke in Israel an Recha Freier und der 2013 nach ihr benannte Platz in Norden in Ostfriesland.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
Rundgang zum Selbstentdecken
Recha Freier – Gründerin der Jugend-Aliyah
und Recha Freier. Leben und Wirken
Faltblatt und Broschüre für einen selbstorganisierten Rundgang
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Das Faltblatt finden Sie > HIER zum Herunterladen und hier die > Broschüre.
Den englischsprachigen Flyer zum Herunterladen finden Sie hier:
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Stadtführung
frauenORT Recha Freier
Kontakt und Buchung:
Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Norden Elke Kirsten
e.kirsten@norden.de
Vortrag zu Recha Freier
Roswitha Homann
roswitha.homann@ewetel.com
Gedenktafeln
Geburtshaus, Synagogenweg 3
Recha-Freier-Platz
Weitere Informationen zu Recha Freier
https://www.norden.de/Stadtleben/Die-Stadt/frauenORT-Norden/
Literatur
Recha Freier und jüdisches Leben in Ostfriesland:
Ludgeri-Gemeindebücherei in der Ludgerikirche
Tel. 04931 167783
Der Lebendige FrauenKalender Ostfriesland bietet an unterschiedlichen Orten auf der Ostfriesischen Halbinsel von Emden bis Wilhelmshaven eine vielfältige Auswahl an Veranstaltungen, Begegnungen und kulturellen Höhepunkten. Herausgeber ist der „> Runde Tisch FrauenLeben in Ostfriesland“, der 2014 in Aurich gegründet wurde und aus kommunalen Gleichstellungsbeauftragten der Region sowie der Gleichstellungsbeauftragten der Hochschule Emden-Leer besteht.
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Der frauenORT Recha Freier in Norden entstand in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Norden, der Gemeindebücherei in der Ludgerikirche, der Ökumenischen Arbeitsgruppe Synagogenweg, der Arbeitsgemeinschaft der Norder Stadtführerinnen und Stadtführer sowie dem Mehrgenerationenhaus und wurde im April 2014 eröffnet.