Helene Hartmeyer

"Ver­giss nie­mals, dass du nicht alleine das leib­li­che Elend lin­dern sollst, gedenke daran, dass die Seele der Barm­her­zig­keit...

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Meike Rissiek, GB

 

Demütig im Glauben, stark im Beruf. Die Oberin des Diakonissen-Mutterhauses und Mitbegründerin des Diakoniekrankenhauses Rotenburg begründete mit ihrem Berufsethos – mit dem Dreiklang von Ausbildung, Krankenpflege und Seelsorge – eine Tradition, die bis heute gültig ist. Mit ihr begann die Entwicklung der Stadt zu einem überregionalen Ausbildungszentrum für Krankenpflege und sozialpädagogische Berufe.

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Lebenslauf

Helene Hartmeyer wurde am 7. Januar 1854 in eine Kieler Juristenfamilie hineingeboren. Der Vater war Rechtsanwalt und starb, als Helene erst 2 Jahre alt war. Ein väterliches Vorbild fand sie später in der Kirchengemeinde St. Nikolai in Pastor Georg Behrmann, der guten Kontakt zu den jungen Menschen in seiner Gemeinde pflegte. Diese frühe Begegnung mit dem Christentum prägte Helenes gesamtes weiteres Leben. Pastor Behrmann holte sie später als Oberin des Diakonissen-Mutterhauses „Bethesda“ nach Hamburg.

Das Schicksal der verwitweten Mutter zeigte Helene Hartmeyer früh, dass eine Frau sich nicht allein auf die Versorgung durch einen Ehemann verlassen sollte. Sie entschied sich für die Berufstätigkeit und wählte den für unverheiratete Bürgerstöchter damals üblichen Beruf der Lehrerin. 16-jährig nahm sie eine Stelle in einer Privatschule an, arbeitete für einige Jahre als Erzieherin im Hause des Prinzen Schönaich-Carolath in Dortmund, kehrte dann wieder nach Kiel zurück.

Doch die Zeiten hatten sich geändert: Seit 1865 erteilte die Kieler Schulbehörde nur noch Lehrkräften mit Seminarausbildung die Lehrerlaubnis. Diese konnte Helene Hartmeyer nicht nachweisen, und ihre berufliche Existenz stand auf dem Spiel. In diese Zeit der Zweifel und Sorge kam der Ruf Pastor Behrmanns aus Hamburg. Behrmann, der inzwischen als Hauptpastor in Hamburg tätig war, suchte für das Diakonissen-Mutterhaus „Bethesda“ eine neue Oberin. Nachdem die Gründerin und langjährige Hausmutter Bethesdas, Elise Averdieck, 1881 aus dem Amt geschieden war, hatten zwischen 1881 und 1891 verschiedene Oberinnen versucht, junge Frauen für die Schwesternschaft anzuwerben – allerdings mit geringem Erfolg. Mit Helene Hartmeyer hoffte Behrmann, die richtige Führungspersönlichkeit ins Haus zu bekommen.

Erst nach dreimaligem Anfragen Behrmanns sagte Helene Hartmeyer zu und ließ sich in Berlin zur Krankenpflegerin ausbilden. Am 12. Januar 1891 wurde sie zur Diakonisse eingesegnet und gleichzeitig in das Amt der Oberin eingeführt. Mit Elan machte sich die neue Oberin ans Werk. Doch die Zusammenarbeit mit den Ärzten war ernüchternd – diese sahen in den Diakonissen ausschließlich Krankenpflegerinnen. Zeit für Andachten und religiöse Unterweisungen empfanden sie als Zeitverschwendung. Aber Helene Hartmeyer ließ sich nicht in ihrer Auffassung beirren, ein Diakonissen-Mutterhaus sei mehr als nur ein christliches Krankenhaus. Auch das Ansinnen der Ärzte, wohlhabende Privatpatienten zu bevorzugen, lehnte sie entschieden ab.

Im Dezember 1904 kam es zum Eklat: Der Gesamtvorstand, der die Position der Ärzte vertrat, kündigte Helene Hartmeyer. Binnen 24 Stunden musste sie das Haus verlassen. Die Schwestern blieben vorerst, entschieden sich dann aber, ihrer Oberin zu folgen.

In „Rotenburg in Hannover“ wurde ein neues Arbeitsgebiet für die Diakonissen gefunden. Seit 1881 gab es hier eine Einrichtung für Behinderte, das „Asyl für Epileptische und Blöde“, so die damalige Sprachregelung. Dort wurden dringend Pflegekräfte gebraucht. So fanden die 62 Hamburger Bethesda-Diakonissen mit ihrer Oberin in Rotenburg eine neue Heimat.

Helene Hartmeyer war eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie vereinte scheinbar widersprüchliche Eigenschaften in sich: Einerseits war sie die stille, zurückhaltende, fromme Diakonisse, andererseits die streitbare Oberin, die hartnäckig an ihrem Ideal festhielt und bereit war, dafür der Obrigkeit die Stirn zu bieten.

Für Rotenburg war Helene Hartmeyer ein Glücksfall. Hier auf dem Lande konnte die engagierte Diakonisse und Christin alle Register ziehen – nicht nur zum Wohle der Schwesternschaft, sondern auch zum Wohle des Ortes und der Region. Zusammen mit Pastor Buhrfeind und mit Unterstützung des Rates der Stadt Rotenburg legte Helene Hartmeyer den Grundstein zu einer der größten diakonischen Einrichtungen Norddeutschlands.

Dem Einzug ins Mutterhaus 1906 folgte 1907 die Fertigstellung des Krankenhauses, später der Bau der Kirche „Zum Guten Hirten“ und weitere Gebäude. Die Rotenburger Werke der Inneren Mission und das Diakoniekrankenhaus sind bis heute die größten Arbeitgeber in der Region.

Kulturtouristische Angebote

Flyer zum Leben und Wirken Helene Hartmeyers
mit Stadtspaziergang zum Selbstentdecken
> zum Download


Ausstellung
Frauengalerie im Rathaus
Rotenburger Frauengeschichte in Straßennamen:
Große Straße 1,
Öffnungszeiten: Mo-Mi 9-17 Uhr, Do 9-18 Uhr, Fr 9-12 Uhr

Digitales Museum
Die Geschichte des Rotenburger Mutterhauses und der Diakonissen von ihren Anfängen bis heute.
> https://diako-geschichte.de/museum/


Denkmal
Die Rotenburger Künstlerin Jeanette Clasen gestaltete eine Stele, die seit ihrer feierlichen Enthüllung am 9.6.2010 vor dem Mutterhaus zu besichtigen ist.


Hörbeitrag
NDR Kultur - Helene Hartmeyer in Rotenburg (Wümme)
Hörbeitrag vom 25.09.2012, von Andrea Schwyzer
> HIER anhören

Informationen
Rotenburger Frauengalerie - Frauengeschichte in Straßennamen
Broschüre, die Porträts der Frauen enthält, an die in Rotenburg mit Straßennamen erinnert wird.
Die Broschüre finden Sie hier zum > Download.

 

Der frauenORT Helene Hartmeyer in Rotenburg (Wümme) wurde in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Rotenburg und dem Diakonissen-Mutterhaus in Rotenburg im Juni 2010 eröffnet.

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