Sandra Hoffmann,
Gleichstellungsbeauftragte Stadt Uelzen
Dr. Christine Böttcher, Stadtarchivarin
Henriette Auguste Praesent war eine selbstständige Kauffrau im Landhandel. Aufgewachsen in einer Kaufmannsfamilie in Gandersheim heiratete sie mit 21 Jahren den Kaufmann Johann Christian Praesent, der in Uelzen mit Flachs, Schafwolle, Honig und Wachs handelte. Das Ehepaar bekam zwischen 1803 und 1820 neun Kinder. Henriette Praesent führte den Handel nach dem Tod ihres Mannes 1827 erfolgreich weiter und baute ihn in den 30 Jahren ihrer beruflichen Tätigkeit als Inhaberin und Leiterin zu einem der größten norddeutschen Handelsunternehmen aus. Das Unternehmen wurde 1855 auf der Industriemesse in München für die Qualität der produzierten Garne ausgezeichnet und als eigenständiger Betrieb unter dem Namen „Joh. Christian Praesent Wwe.“ noch bis 1991 in Uelzen geführt.
Geschäftstüchtig, mutig, vorausschauend: Mit diesen Charaktereigenschaften baute Henriette Praesent das Landhandelsunternehmen Johann Christian Praesent Wwe. zu einem der größten Landhandelshäuser Norddeutschlands aus.
Am 2. April 1782 wurde Auguste-Henriette Bütemeister als Tochter der Kaufleute Dorothee und Johann Gottlieb Bütemeister in Gandersheim geboren. Es ist davon auszugehen, dass sie bereits früh mit den Handelsgeschäften in ihrem Elternhaus in Berührung kam und die damit verbundenen Tätigkeiten eine Selbstverständlichkeit für sie waren.
Als sie am 6. Januar 1803 mit 20 Jahren den Kaufmann Johann Christian Praesent heiratete und mit ihm nach Uelzen zog, betrieb dieser bereits als Bürger der Stadt Uelzen ein Handelsunternehmen. Er stammte aus Dannenberg und hatte 1799 in Uelzen das Bürgerrecht erworben. Zugleich war er in das Krameramt aufgenommen worden und hatte sein Handelshaus etabliert.
Neben regionalen Produkten wie Flachs, Schafwolle, Honig, Wachs, Getreide, Zichorien und Futtermitteln, die im Umland produziert wurden, handelte er auch mit Kolonialwaren wie Gewürzen, Kaffee, Zucker und Tabak. Die Geschäftstüchtigkeit der Kaufmannsfamilie führte dazu, dass das Handelshaus Johann Christian Praesent von 1810 - 1813 die napoleonische Militärbesatzung im Königreich Westphalen als Lieferant versorgte.
Da Henriette Praesent in einer Kaufmannsfamilie sozialisiert wurde, wird sie auch im Handelshaus von Beginn an als Teil des Familiengeschäfts gewirkt haben. Darüber hinaus bekam das Ehepaar in den Jahren 1803 bis 1820 neun Kinder, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten (Georg, Johanne, August, Elise, Betty). Auch während dieser Zeit vertrat Henriette Praesent ihren Mann in der Geschäftsführung, wenn dieser auf Handelsreisen war. Über die Erziehung der Kinder ist wenig bekannt, jedoch berichtet die später in den USA lebende Betty, dass auch die Töchter der Familie eine höhere Schulbildung erhielten.
Die positive Geschäftsentwicklung ermöglichte es dem Unternehmen, 1811 zwei Häuser am Markt zu erwerben, die jedoch 15 Jahre später bei einem Brand zerstört wurden. An gleicher Stelle errichteten die Kaufleute 1826 ein größeres Geschäftshaus mit integriertem Manufakturladen, der von Henriette Praesent geleitet wurde.
Bereits ein Jahr später war Henriette Praesent auf sich gestellt, als ihr Ehemann im Alter von nur 52 Jahren verstarb. Sie war zu diesem Zeitpunkt 45 Jahre alt. Das sogenannte Witwenprivileg von 1711 ermöglichte es ihr, die Geschäfte weiterzuführen – sie war durch den Todesfall ihres Ehemannes als seine Witwe dazu berechtigt. Bereits in der Todesanzeige für ihren Ehemann kündigt sie die Fortdauer des Handelshauses an, um Kontinuität zu gewährleisten:
„Zugleich verbinde ich hiermit die Anzeige: dass ich das bisher geführte Flachs- und Leinengeschäft fernerhin fortsetze, und bitte unsere geehrten Geschäftsfreunde um die Fortdauer ihres Zutrauens J. C. Praesent Witwe“.
Bis zu Ihrem Tod 1856 führte sie etwa 30 Jahre lang sehr erfolgreich das Handelsunternehmen, baute den Handel mit Manufakturwaren aus und entwickelte das Unternehmen zu einem der größten norddeutschen Landhandelsunternehmen der damaligen Zeit. Zunächst wurde sie dabei von ihrem Sohn unterstützt. Dieser kam jedoch bei einem Arbeitsunfall 1846 ums Leben.
Auch überregional blieben ihre Handelstätigkeiten nicht unbemerkt: 1855 erhielt die Firma „Joh. Christian Praesent Wwe.“ eine Auszeichnung auf der Industriemesse in München für die gehandelten Garne und Leinen. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Konkurrenz durch die günstigere Baumwolle, die im 19. Jahrhundert den Markt eroberte, war dies besonders bemerkenswert.
Am 30. März 1856 starb Henriette Praesent nach langer Krankheit in Uelzen. Das Landhandelshaus hatte sie in ihrer Zeit der Geschäftsführung zu einem blühenden Unternehmen entwickelt und konnte ihrer Familie das Geschäft sowie mehrere Ländereien und Immobilien vererben. Die Firma „Joh. Christian Praesent Wwe.“, die 1865 in das Handelsregister eingetragen wurde, bestand noch bis 1991 in Uelzen.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
Faltblatt der Stadt Uelzen zu Henriette Praesent > zum Herunterladen
Faltblatt zum frauenORT Henriette Prasent > zum Herunterladen
Ein Hörspiel zu der umtriebigen und erfolgreichen Geschäftsfrau Henriette Praesent können Sie > HIER anhören.
Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Ein historischer Spaziergang durch Uelzen auf den Spuren von Henriette Praesent und acht weiteren Frauen zum Selbstentdecken.
> Google-Link zur Karte mit Rundgang und Informationen.
Stadtführung
frauenORT Henriette Praesent • Uelzen und andere (Kauf)frauen der Stadtgeschichte
Anmeldung über die Stadt- und Touristinformation, info@tourismus-uelzen.de, Tel.: 0581 800-6172
Stadtführung für Kinder
Mädchen und Frauen in der Hansestadt Uelzen
Anmeldung über die Stadt- und Touristinformation, info@tourismus-uelzen.de, Tel.: 0581 800-6172
Henriette Praesent im Uelzen Museum
Im Frühjahr 2023 wurde das neue Uelzen Museum (ehemals Museum Schloss Holdenstedt) eröffnet. Hier erfahren Sie nicht nur etwas über Henriette Praesent und ihr Geschick als Geschäftsführerin eines Landhandelsunternehmens, sondern lernen auch andere interessante Frauen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur aus der Geschichte und Gegenwart Uelzens kennen.
> www.museumsverein-uelzen.de
Literatur:
"Frauen, die Uelzen beweg(t)en",
Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. [Hrsg.], Uelzen 2015,
zu beziehen über die > Geschichtswerkstatt oder das Stadtarchiv:
kontakt@geschichtswerkstatt-uelzen.de
Der frauenORT Henriette Praesent entstand in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Hansestadt Uelzen, der Stadtarchivarin der Hansestadt Uelzen, der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. und dem Arbeitskreis Henriette und wurde am 17. September 2021 eröffnet.