Sie war die prominente Figur der gemäßigten bürgerlichen Frauenbewegung im Kaiserreich. Für die Lehrerin führte der Weg zur Gleichberechtigung über das uneingeschränkte Recht der Frauen auf Bildung, auf Abitur und Universitätsstudium. Jahrzehnte stand sie an der Spitze des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins und des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins. Mit ihrer Lebensgefährtin Gertrud Bäumer gab sie die Zeitschrift „Die Frau“ heraus. 1922 trug sie sich im Oldenburger Rathaus in das Goldene Buch ein; 1928 wurde sie Ehrenbürgerin der Stadt.
Helene Lange gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert. Ihre Schwerpunkte lagen im Kampf um eine Verbesserung und Veränderung der Bildung und Ausbildung von Mädchen und Frauen.
Am 9. April 1848 wurde Helene Lange in Oldenburg geboren. 1855 starb ihre Mutter Johanne, geb. tom Dieck, 1864 der Vater. Danach wechselten für Helene Lange Aufenthalte in einer süddeutschen Pfarrersfamilie, in Oldenburg bei Großvater und Tante Helene tom Dieck. Bereits als junge Frau war sie einige Zeit als Hilfslehrerin und Erzieherin im Elsass und bei Osnabrück tätig.
Über ihren Schulbesuch in der Höheren Töchterschule urteilte sie später: „Man lernte nicht übermäßig; der Verstand wurde soweit geschont, dass man ihn nachher noch hatte. ... Aber es wurde eine nicht unbeträchtliche formale Kraft erzogen, die später dem Erwerb von Kenntnissen und Einsichten leicht machte, und das scheint mir das Wesentliche.“
Volljährig und mit einer Erbschaft ausgestattet zog sie 1871 nach Berlin, um ihre Lehrerinnenprüfung abzulegen. Mit Disziplin und Fleiß hatte sie sich im Hinblick auf dieses Ziel autodidaktisch eine umfangreiche Bildung erarbeitet. Der Großvater hatte ihren Wunsch, Lehrerin werden zu wollen, zuvor mit den Worten abgelehnt, dass so etwas noch niemand im Oldenburger Land gewollt habe.
Auch nach ihrer Lehrerinnenprüfung setzte sie ihre privaten Studien der Fächer Latein, Geschichte und Philosophie in Berlin fort. Anschließend war sie zunächst als Hauslehrerin tätig, ab 1876 dann als Lehrerin und Leiterin der Seminarklasse der Crainschen Anstalt, einer privaten höheren Mädchenschule in Berlin mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar. Sie unterrichtete in fast allen Fächern und Stufen, zuletzt als Leiterin des Lehrerinnenseminars.
Bereits als junge Frau hatte Helene Lange erlebt, wie eingeschränkt Bildungs- und Berufschancen von Frauen im Deutschen Kaiserreich waren. Vom Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung als auch vom Studium an einer Universität waren sie ausgeschlossen. Helene Langes Engagement als Frauenrechtlerin begann 1887 im Alter von 39 Jahren, als sie gemeinsam mit anderen Frauen für eine Veränderung des Mädchen- und Frauenbildungswesens zu kämpfen begann.
Für Helene Lange und ihre Gefährtinnen führte der Weg zur Gleichberechtigung über das uneingeschränkte Recht auf Bildung einschließlich des wissenschaftlichen Studiums. Und Schul- und Klassenleitung an Mädchenschulen gehörten für sie in Frauenhände. Die Forderungen der Frauen nach gleichberechtigter Teilhabe an Bildung und Ausbildung und dem Recht auf ein wissenschaftliches Studium stießen in Teilen der Öffentlichkeit durchaus auf Zustimmung, jedoch nicht bei den Pädagogen, deren radikalste Gegner sich schließlich in einem „Verein gegen den Feminismus“ zusammenschlossen.
Über den jahrelangen erbitterten Widerstand vieler Männer gegenüber den Forderungen der organisierten Frauenbewegung, gleichgültig ob aus radikaler, bürgerlicher oder proletarischer Richtung, urteilte Helene Lange 1920:
"Es ist ein Stück naiver männlicher Eitelkeit, IHRE Welt für die beste der Welten, für die einzig mögliche Welt zu halten. Frauen, die daran zu rütteln zu wagen, die insbesondere die Herrenstellung und Herrenmoral des Mannes anzugreifen wagen, erscheinen ihm als persönliche Feinde."
Helene Lange veröffentlichte Beiträge und Streitschriften, ab 1893 gab sie bis zu ihrem Tod die Monatsschrift „Die Frau“ heraus – ein frauenpolitisch wichtiges Organ. 1887 reichte sie zusammen mit fünf anderen Frauen eine Petition im preußischen Unterrichtsministerium und Preußischen Abgeordnetenhaus ein, in der sie eine größere Beteiligung der Frauen in den Mittel- und Oberstufen der Mädchenschulen sowie staatlichen Ausbildungsanstalten für Oberstufenlehrerinnen forderten. Der Antrag wurde abgelehnt.
Mit Hilfe eines privaten Trägervereins bot Helene Lange in Berlin-Schöneberg ab 1889 Realkurse für Mädchen ins Leben, die 1893 in Gymnasialkurse umgewandelt wurden. Im selben Jahr gründete die Pädagogin Hedwig Kettler in Karlsruhe das erste öffentliche Mädchengymnasium. Erst allmählich entstanden noch weitere öffentliche Mädchengymnasien. Die ersten sechs Schülerinnen aus Helene Langes Gymnasialkursen legten 1896 am Königlichen Luisengymnasium in Berlin als „Externe“ das Abitur ab. Die Hochschulen öffneten sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, gegen einen massiven Widerstand von Professoren und Studenten.
Helene Lange war 1890 Mitbegründerin des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins und langjährige Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (gegr. 1865). Beide Vereine waren im Zuge der bürgerlichen Frauenbewegung entstanden.
Politisch fühlte sie sich dem linken Flügel der DDP verbunden (Deutsche Demokratische Partei, nach 1945 FDP) und saß für diese Partei während ihrer Hamburger Zeit, 1919/1920, in der dortigen Bürgerschaft. Helene Lange gilt dabei als eine der wichtigsten Vertreterinnen des „gemäßigten“ Flügels der frühen deutschen Frauenbewegung. Sie forderte auch früh die Einführung des Frauenwahlrechts, vertrat jedoch bald die Meinung, dass Frauen nur schrittweise in öffentlichen Ämtern und Politik beteiligt werden sollten, beispielsweise in der kommunalen Verwaltung.
Helene Lange sah eine „Verschiedenheit der Geschlechter“, in der Frauen ihren spezifisch weiblichen Einfluss und ihre „geistige Mütterlichkeit“ zum Wohle und im Gegensatz zu einer fehlentwickelten männlichen Gesellschaft einbringen sollten. Langes Betonung der – nach ihrer Meinung allen Frauen eigenen – „Mütterlichkeit “ wird heute kritisch angesehen. Ihre Einschätzung der Folgen einer einseitig von Männern bestimmten Gesellschaft ist jedoch nach wie vor relevant. Auch ihre Ablehnung der Koedukation von Jungen und Mädchen wird wieder diskutiert, vorwiegend im naturwissenschaftlichen Unterricht.
1923 erhielt Helene Lange die Tübinger Ehrendoktorwürde, 1928 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Oldenburg.
Im privaten Bereich entschied sich Helene Lange für weibliche Lebensgemeinschaften. Zuletzt lebte sie über 30 Jahre bis zu ihrem Tod mit der 25 Jahre jüngeren Gertrud Bäumer zusammen, wurde von ihr gepflegt, und versuchte sie als ihre Nachfolgerin im politischen Kampf aufzubauen. Gemeinsam edierten Bäumer und Lange das „Handbuch der Frauenbewegung“ (1901–1906) und gaben die Zeitschrift „Die Frau“ (1893–1944) heraus.
Am 13. Mai 1930 starb Helene Lange in Berlin. 1956 wurde ihr ein Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Friedhof Heerstraße gewidmet.
Alle folgenden Termine, Buchungen und weiteren Informationen über:
> Zentrum für Frauengeschichte e.V. in Oldenburg.
Geführter Stadtspaziergang
Mit Kirschenanna und Helene auf den Spuren Helene Langes in Oldenburg
Jeweils sonntags um 11 Uhr an ausgewählten Terminen,
Anmeldung nicht erforderlich.
Gruppenführungen nach individueller Absprache (auch Beratung und Infos zu einem Tagesaufenthalt in Oldenburg möglich).
Von Prinzessinnen, Prostituierten und Politikerinnen,
Stadtführung, jeweils sonntags um 15 Uhr, an ausgewählten Terminen.
Treffpunkt: Haupteingang des Schlosses,
Anmeldung nicht erforderlich
Führungen auf dem Gertruden-Kirchhof
Auf Anfrage für Gruppen, Treffpunkt: an der Kapelle
Vortrag
Helene Lange – Nationalistin, Demokratin, Feministin?
Die in Oldenburg geborene Frauenrechtlerin erzählt ihre Geschichte – zwischen Revolutionen, Kriegen, dem Kampf der Frauen um gesellschaftliche Veränderungen und dem ganz privaten Leben. Ein Lebenslauf, zusammengestellt, bebildert und in Helene Langes eigenen Worten, vorgetragen von Gabriele Beckmann.
> Zentrum für Frauengeschichte e.V.
Die Initiative frauenORTE Niedersachsen hat in Kooperation mit dem Gleichstellungsbüro der Stadt Oldenburg und in Zusammenarbeit mit Medienkontor Oldenburg ein kurzes Filmportrait über Helene Lange angefertigt. Im Portrait über Helene Lange kommen zu Wort: Oberbürgermeister Jürgen Krogmann, Gleichstellungsbeauftragte Wiebke Oncken, Stadtmuseumsleiter Dr. Steffen Wiegmann, Gabriele Beckmann vom Zentrum für Frauen-Geschichte, Sonja Boekmann von der Helene-Lange-Schule. Der Film wurde produziert vom Medienkontor Oldenburg.
Museum
Mehr Informationen über das Leben und Wirken Helene Langes finden sich auf der Website des Stadtmuseums Oldenburg:
https://www.museum-findet-stadt.de/bueste-helene-lange/
Lesung
Helene Lange und die schöne Literatur
Lesungen im Libretto-Buchladen,
Anfragen unter libretto@arcor.de
Helene-Lange-Denkmal des Künstlers Udo Reimann: Cäcilienplatz
Literatur
Das Helene-Lange-Buch
Gestaltet von den Schüler*innen der Helene-Lange-Schule in Oldenburg, anlässlich des 30jährigen Schuljubiläums 2020.
Isensee-Verlag, ISBN 9783730817063
Der frauenORT Helene Lange in Oldenburg wurde in Kooperation mit dem Zentrum für Frauen-Geschichte Oldenburg / ZFG im April 2010 eröffnet.