„Wunderkind“ oder „Hochbegabte“? Sehr stark gefördert und beaufsichtigt von ihrem Vater, einem Historiker und Staatswissenschaftler, lernte Dorothea Schlözer in jungen Jahren zehn Sprachen und erhielt in namhaften Göttinger Professorenhäusern Unterricht in Mathematik, Geschichte und Mineralogie. 1787 verlieh die Georg-August-Universität Göttingen der erst 17-Jährigen als erster Frau die Doktorwürde in Philosophie. In späteren Jahren führte sie allerdings ein Leben voller Widersprüche. Als Ehefrau eines Kaufmanns und zeitweiligen Bürgermeisters von Lübeck stand sie einem großen Haushalt vor und erfüllte repräsentative Pflichten, unterhielt jedoch weiter Kontakte zu gelehrten Männern und Frauen ihrer Zeit.
Dorothea Schlözer wurde am 10. August 1770 in Göttingen als erstes von sieben Kindern von Prof. August Ludwig und Caroline Friederike Schlözer geboren.
Ihr Vater, ein Historiker und Staatswissenschaftler, wollte beweisen, dass Mädchen durch Unterricht und Förderung die gleiche Geisteskraft entwickeln können wie Jungen. Von frühester Kindheit an ließ er seiner Tochter systematisch Unterricht erteilen. Sie erhielt Unterricht beim Vater und bei gelehrten Kollegen aus namhaften Göttinger Professorenhäusern. Mit vier Jahren konnte Dorothea Schlözer lesen. Sie lernte Plattdeutsch, Englisch, Schwedisch, Holländisch, Französisch, Latein, Italienisch, Spanisch und später Hebräisch und Griechisch. Ebenso Zeichnen, Tanzen, Klavierspielen, Stricken, Mathematik, Geschichte und Mineralogie.
Von Oktober 1781 bis April 1782 ging sie auf große Italienreise mit dem Vater – eigentlich eine gesellschaftliche Verpflichtung für höhergestellte junge Männer. 1786 unternahmen beide eine Erkundungsreise in den Harz.
Der erst 17-Jährigen wurde 1787 durch die Georg-August-Universität Göttingen als erster Frau die Doktorwürde in Philosophie verliehen. Ihre Urkunde, die bei der großen Jubiläumsfeier in der Paulinerkirche überreicht wurde, nahm allerdings ihr Vater entgegen. Dorothea durfte als unverheiratete Frau nicht an der Verleihung ihrer Doktorwürde teilnehmen. Durch eine zerbrochene Fensterscheibe der Bibliothek sah sie von draußen dem öffentlichen Akt zu.
Die „Doktorin“ wurde Ehrenmitglied der Lateinischen Gesellschaft Jena und erarbeitete gemeinsam mit ihrem Vater ein Werk zur „Münz-, Geld- und Bergwerksgeschichte des Russischen Kaiserthums“.
Eine akademische Karriere versuchte sie erst gar nicht zu erlangen, dies war für Frauen ohnehin aussichtslos. Ihr Vater „verheiratete sie gut“. 1792 heiratete sie Senator Matthäus Rodde aus Lübeck und bekam drei Kinder, Auguste (1794 – 1820), Dorothea (1796 – 1834) und Ludwig (1798 – 1823). Als Freifrau Dorothea von Rodde-Schlözer, Ehefrau eines Kaufmanns und zeitweiligen Bürgermeisters von Lübeck stand sie einem großen Haushalt vor und erfüllte repräsentative Pflichten.
Vor allem unterhielt sie weiter Kontakte zu gelehrten Männern und Frauen ihrer Zeit und führte einen „aufgeklärten“ Salon zu fortschrittlichen Themen. Dort lernte sie 1796 den französischen Philosophen Charles de Villers kennen, mit dem sie eine Affäre einging. Er begleitete sie 1801 und 1803 bis 1805 auch gemeinsam mit ihren Kindern zu einer diplomatischen Mission ihres Mannes nach Paris. Die Dreiecksbeziehung endete erst mit Villers Tod 1815.
In Paris lernte Dorothea von Rodde-Schlözer unter Anderem das Ehepaar Friedrich und Dorothea Schlegel kennen und wurde dem Kaiserpaar vorgestellt. Insbesondere Kaiserin Joséphine interessierte sich für „Le Docteur“ Rodde.
1808/09 starben Dorothea Schlözers Eltern. Um die Erbschaft zu regeln, reiste sie gemeinsam mit Charles de Villers im Frühjahr 1810 für längere Zeit nach Göttingen. Noch während ihres Aufenthaltes erfuhr sie vom Bankrott ihres Mannes, der sich in Kreditgeschäften verspekuliert hatte und nun enorm verschuldet war. Auch ihr Ehemann Matthäus Rodde folgte 1812 nach Göttingen.
Da nach lübeckischem Gewohnheitsrecht die Ehefrau in vollem Umfang für die Schulden ihres Mannes herangezogen werden konnte, bestand nun die Gefahr, dass auch Dorothea Schlözer das Erbe ihres Vaters und alle bisherigen Besitztümer verlieren würde. Durch ein Gerichtsverfahren konnte sie mit Hilfe von Villers den eigenen Konkurs abwenden.
Ihre letzten Jahre waren von Schicksalsschlägen überschattet. Ihr Ehemann erkrankte kurz nach seinem Bankrott geistig und wurde zum Pflegefall. 1815 starb erst Charles de Villers, 1820 ihre Tochter Auguste, 1823 ihr Sohne Ludwig. 1825 erkrankte auch ihre zweite Tochter Dorothea, mit der sie gemeinsam zu einer Kur nach Marseille reiste. Auf der Rückreise starb Dorothea Rodde Schlözer am 12. Juli 1825 in Avignon und wurde dort beigesetzt.
Nach einem Leben voller Widersprüche und Schicksalsschläge schrieb sie im hohen Alter in einem Brief an ihren Bruder, sie hoffe, sie sei nun endlich „fertig mit ihren Lehrjahren“.
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Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Dorothea Schlözer. 1770-1825. Erste Doktorin der Philosophie
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Dorothea Schlözer – Der Rundgang zum Faltplan
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Ich stehe erstaunt vor meinem Schicksal – Dorothea Schlözer, erste Doktorin der Philosophie
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Weitere Informationen zu Dorothea Schlözer:
Geschichtswerkstatt Göttingen
oder
frauenORT Dorothea Schlözer an der > Universität Göttingen
Dorothea Schlözer-Programm der Georg-August-Universität Göttingen, Stipendienprogramme für Nachwuchswissenschaftlerinnen, Qualifizierungsangebote für Postdoktorandinnen und Mentoringprogramme:
> www.uni-goettingen.de/schloezer
Mit dem 2009 eingerichteten Dorothea Schlözer-Programm fördert die Georg-August-Universität Göttingen die Chancengleichheit und personale Vielfalt am Campus Göttingen. Unter dem Dach des Dorothea Schlözer-Programms werden Gleichstellungsmaßnahmen gebündelt, die unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.
> Das Dorothea-Schlözer-Stipendienprogramm
Zu den weiteren Bausteinen gehören
- ein Qualifizierungsprogramm für Postdoktorandinnen,
- ein Mentoringprogramm zur Karriereplanung, das sich an weibliche Nachwuchswissenschaftler_innen in der Promotions- und frühen Postdoc-Phase richtet,
- ein Coaching für neuberufene Professorinnen.
Des Weiteren ehrt die Georg-August-Universität mit der 1958 gestifteten Dorothea Schlözer-Medaille weibliche Persönlichkeiten, die sich in Forschung und Wissenschaft verdient gemacht haben oder Persönlichkeiten, die sich für das Ziel der Gleichstellung von Frauen an Hochschulen in besonderer Weise eingesetzt haben.
Der frauenORT Dorothea Schlözer in Göttingen wurde im Mai 2011 in Kooperation mit den Gleichstellungsbeauftragten der Georg-August-Universität Göttingen und der Stadt Göttingen eröffnet.