Agnes von Dincklage

"Sie regierte könig­lich und diente demütig."

Eine Mit­a­r­bei­te­rin bei ihrer Ver­ab­schie­dung

 vollständiges Zitat
frauenORT Kontakt:

Sybille Schlusche
Stift Obernkirchen

frauenORT Kontakt:

Dörte Worm-Kressin, GB

 

Als Pionierin gestaltete Agnes von Dincklage das ländliche Bildungswesen für Frauen mit. Mehr als 30 Jahre leitete die Pädagogin die private Landfrauenschule des Reifensteiner Verbandes im Stift Obernkirchen. Sie trieb die Professionalisierung in der ländlichen Hauswirtschaft entscheidend voran. Dabei ging die fachliche Ausbildung einher mit Persönlichkeitserziehung und der Förderung kultureller Interessen. Die Landfrauenschule gehörte zu den renommierten, staatlich anerkannten höheren Fachschulen im Land. Sie prägte das Leben in Obernkirchen neben dem Bergbau und der Glasindustrie.

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Lebenslauf

Am 29. Mai 1882 wurde Agnes Freiin von Dincklage in Lingen geboren. Nach einer zehnjährigen Ausbildung an „höheren Töchterschulen“ in Kassel und in Leipzig wurde sie 1908 als Stiftsdame im Stift Börstel aufgenommen. Hier erhielt sie 1909-1911 eine Ausbildung zur Lehrerin der landwirtschaftlichen Haushaltungskunde an der Wirtschaftlichen Frauenschule in Obernkirchen und arbeitete bis 1915 im landwirtschaftlichen Betrieb des Stiftes Börstel mit.

Ab 1916 unterrichtete sie als Lehrerin der Landwirtschaftlichen Haushaltskunde in Geflügel- und Tierzucht sowie Wohlfahrtskunde an der Wirtschaftlichen Frauenschule in Obernkirchen. 1918 wurde sie schließlich die Leiterin der Landfrauenschule und blieb es drei Jahrzehnte bis 1949. Als engagierte Pädagogin prägte Agnes Freiin von Dincklage in dieser Zeit durch leidenschaftlichen Pioniersinn das ländliche Bildungssystem für Frauen.

Generationen von jungen Frauen erlebten in der Obernkirchener Internatsschule eine qualifizierte, wissenschaftlich fundierte Berufsausbildung in ländlicher Hauswirtschaft. Gemeinsam mit einer charakterlichen Persönlichkeitserziehung und einer intensiven Förderung von kulturellen Interessen stellten diese Eckpfeiler eines ganzheitlichen Erziehungsansatzes dar. Die räumliche Nähe zwischen den Schülerinnen, der Schulleiterin sowie den Lehrkräften, aber auch eine respektvolle Distanz zeichneten den Erziehungsalltag der Internatsschule aus.

Agnes von Dincklage, von ihren Schülerinnen liebevoll „Tante Lilly“ genannt, führte die Landfrauenschule als verantwortliche Bildungsunternehmerin im Dienste des Reifensteiner Verbandes auf der Basis christlichen Grundverständnisses auch durch politisch unstete und schwierige Zeiten. Die Landfrauenschule entwickelte sich als „höhere Bildungsanstalt“ zu einer renommierten, staatlichen Fachschule. Neben dem Bergbau und der Glasindustrie prägte die Landfrauenschule die Stadt Obernkirchen über viele Jahrzehnte.

Als Absolventinnen der Landfrauenschulen waren die Frauen nicht nur gut auf das Leben vorbereitet, sie gehörten zu einer starken und stabilen Frauenverbindung von überregionaler Bedeutung.

Noch heute bilden die Landfrauen eben dieses starke Frauennetzwerk, dessen Anerkennung und Bestand auch noch in unserer Zeit Frauen überregional verbindet. Bei aller Weltoffenheit spielte sich das Leben der Agnes Freiin von Dincklage jedoch vor allem hinter den Mauern des Stiftes ab. Dies galt im gleichen Maße auch für die Lehrerinnen und Schülerinnen.

Die wirtschaftliche Frauenschule im Stift Obernkirchen nahm ihren Betrieb 1901 auf. Das charakteristische Symbol war der Mistelzweig, dazu die Initialen MAID (für M=Mut, A=Ausdauer, I=Idealismus, D=Demut). Die Maiden wurden unterrichtet in Backen, Kochen, Einmachen, Schlachten, Flicken, Nähen, Plätten, Waschen, Säuglingspflege und Kindererziehung, zudem Schweinezucht, Geflügelhaltung, Molkerei, aber auch Rechts- und Wirtschaftskunde.

Um Wissen zu vermitteln und Charaktere zu formen, brauchte es auf der Lehrerinnenseite starke Persönlichkeiten. Eine dieser starken Persönlichkeiten war zweifelsohne Agnes von Dincklage. Nach dem Ende des Kaiserreiches führte sie die Schule durch die Wirtschaftskrise. Ende 1944 wurde die Landfrauenschule kriegsbedingt geschlossen. Auf Wunsch der Regierung in Hannover kümmerte sich Agnes von Dincklage um den Wiederaufbau nach dem Krieg. Die Wiedereröffnung fand im Oktober 1945 statt.

Die Schule entwickelte sich zu einer anerkannten und renommierten Ausbildungsstätte in Deutschland. Auch zahlreiche Töchter aus adligen Familien besuchten die Landfrauenschule. Für die Wirtschaft der Stadt Obernkirchen und der Region war die Frauenschule ein bedeutender Partner.

Als Pädagogin und als Unternehmerin hat sich Agnes von Dincklage unermüdlich für die Frauenschule eingesetzt. Zeitgenossen lobten sie dafür, dass sie gleichzeitig Autorität und Güte ausstrahlte. „Sie regierte königlich und diente demütig“, hieß es bei ihrer Verabschiedung.

Bis zu ihrem Tod 1962 lebte sie als Stiftsdame im Stift Börstel.

 

> Flyer zum frauenORT Agnes von Dincklage zum Download

Kulturtouristische Angebote

Informationen zu Agnes von Dincklage
Stift Obernkirchen
https://www.stift-obernkirchen.de
Prospekt und Termine für geführte Touren: info@stift-obernkirchen.de

Stiftsführungen
- in der Zeit vom 1. April bis 31. Oktober mittwochs und samstags um 15.30 Uhr
- für Gruppen nach vorheriger Anmeldung auch an anderen Tagen und Uhrzeiten
https://www.stift-obernkirchen.de/

 

Die Frauenschulen des Reifensteiner Verbandes und frauenORT Agnes von Dincklage
Sonderausstellung des Bergbau- und Stadtmuseums im Stift Obernkirchen

Die Ausstellung im Kapitelsaal umfasst die Gründung und Zielsetzung des Reifensteiner Verbandes, seine eigenen und die ihm körperschaftlich angeschlossenen Schulen und gibt auch Informationen zur Gründerin Ida von Kortzfleisch.
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist die Schule in Obernkirchen und der frauenORT Agnes von Dincklage.
Führungen: info@museum-obernkirchen.de

 

Der frauenORT Agnes von Dincklage in Obernkirchen wurde in Kooperation mit dem Frauenbüro des Landkreises Schaumburg und dem Stift Obernkirchen im August 2010 eröffnet.

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