Die Pazifistin Ada Lessing trat für Frauenrechte ein und fand ihre Berufung in der pädagogischen Arbeit. Als Pionierin der Erwachsenenbildung war sie ab 1919 Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Volkshochschule Hannover-Linden. Sie prägte mit einem fortschrittlichen Programm – u.a. Kurse in Geschlechterpsychologie und Sexualität – das Bildungswesen Hannovers. 1933 musste sie mit ihrem Mann, dem Philosophen Theodor Lessing, vor dem NS-Terror fliehen. Ada Lessing überlebte in England und übernahm 1947, neben einem Kreistagsmandat der SPD, den Aufbau und die Leitung eines Lehrer*innen-Fortbildungsheimes bei Hameln. Eine Wiedergutmachung als Verfolgte erfuhr sie nicht.
Bildungspionierin, Frauenrechtlerin, Emigrantin. Ada Lessing wurde am 16. Februar 1883 als Adele Minna Abenthern in der Marienstadt Hannovers (der heutigen Südstadt) geboren. Bekannt ist, dass ihr Vater ein illegitimer Sohn Fürst Otto von Bismarcks war. Ihre Mutter Bertha stammte aus Holstein. Ihr Vater war als kaufmännischer Angestellter in einer Brauerei tätig, bevor er 1890 die heute noch existierende Waldwirtschaft Bischofshol in der Eilenriede übernahm. Die Familie zog in den hannoverschen Stadtwald um. Mit 19 Jahren verheiratete sich Ada Abenthern mit dem Rittergutspächter Ernst Grote, die Ehe hielt jedoch nur zwei Jahre und 1904 kehrte Ada in ihr Elternhaus zurück.
Nach dem Tod ihrer Mutter 1907 hatte Ada Pläne für ein Aufenthalt in England, die sich aber aufgrund ihrer noch unzureichenden Englischkenntnisse nicht umsetzen ließen. Stattdessen zog sie nach Berlin und bildete sich durch Kenntnisse in Stenografie, Maschineschreiben und Englisch im kaufmännischen Bereich weiter. Ambitionen, eine Ausbildung als Hebamme zu absolvieren, führte sie nicht weiter und war stattdessen in einem Kinderheim in Cottbus angestellt und später Pädagogin in einem Erziehungsheim. In ihrer beruflichen Findungsphase arbeitete sie auch als Verlagsangestellte für die Zeitschrift „Schönheit“, für die sie Buchrezensionen verfasste.
Ihr Leben nahm eine entscheidende Wende, als sie 1908/1909 in ihrem Elternhaus Theodor Lessing kennenlernte, der als Privatdozent für Philosophie an der Technischen Hochschule Hannover beschäftigt war. In den ersten Jahren lebten Theodor Lessing und Ada Grote ohne Trauschein zusammen – in der damaligen Zeit ein Skandal. Lessing brachte zwei Töchter aus erster Ehe mit in die Beziehung und erstritt in diesen Jahren das Sorgerecht für sie. Am 27. Juli 1912 legitimierten Theodor und Ada Lessing ihre Beziehung durch Heirat. Im Februar 1913 wurde die Tochter Ruth geboren. Die Familie lebte in diesen Jahren in Kirchrode und in der Südstadt.
Ada Lessing war eine politische Person: Ab Kriegsbeginn 1914 engagierte sie sich für die Rechte der Frau und das Frauenwahlrecht. Als dies nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland umgesetzt wurde, trat sie 1920 der SPD bei. Die Bedeutung von Bildung für die Arbeiterklasse und insbesondere für die Frauen war ihr früh bewusst und rückte nach dem Ende des Ersten Weltkrieges auch gesellschaftlich in den Fokus. Im „Reichsamt für die wirtschaftliche Demobilmachung“, das nach dem Ende des Krieges gegründet worden war, um die deutsche Wirtschaft auf Friedenswirtschaft umzustellen, war beschlossen worden, neben Arbeitsbeschaffungs- auch Volksbildungsmaßnahmen zu fördern. Im Zuge dessen wurde in Hannover 1919 eine Kommission zur Einrichtung von Allgemein- und berufsbildenden Kursen gebildet. Deren Arbeit mündete in die Gründung der Volkshochschule, die 1920 offiziell eröffnet wurde.
Ada Lessing war von Beginn an bis 1933 Geschäftsführerin der „Freien Volkshochschule Hannover-Linden“. Sie bot auch eigene Kurse über Haushaltsführung und Berufstätigkeit, berufliche Fortbildung und die rechtliche Stellung der Frau an. Das Ziel der Einrichtung war es, unter anderem durch berufsqualifizierende Kurse zu einer Verringerung der Arbeitslosigkeit insbesondere unter Jugendlichen, Frauen und Kriegsheimkehrern beizutragen. Zwischen 1919 und 1928 waren fast 40% der Lernenden Frauen und Mädchen.
Ada Lessing organisierte den Lehrbetrieb für jährlich bis zu 7.500 Hörerinnen und Hörer. Trotzdem geriet die Einrichtung aufgrund der Inflation in den 1920er Jahren in große Geldsorgen, die dazu führten, dass sie im Sommer 1932 für drei Monate schließen musste. In dieser Zeit verzichtete Ada Lessing teilweise auf ihr Gehalt.
Ihr Mann Theodor Lessing geriet in den 1920er Jahren zunehmend in die Kritik. Mit einer Gerichtsreportage über den Prozess um den Serienmörder Fritz Haarmann und ein darauf aufbauendes gesellschaftskritische Buch war er ersten, auch antisemitischen, Anfeindungen ausgesetzt. Als er 1925 einen kritischen Text über den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg vorlegte, löste dies eine weit über Hannover hinausreichende antisemitische Hetzkampagne aus. Auch die Familie hatte unter den Anfeindungen und Übergriffen zu leiden, in deren Folge sie vor die Tore der Stadt zog und die Tochter Ruth für zwei Jahre in einem Internat eingeschult wurde.
Diese Ereignisse politisierten Ada Lessing noch stärker: In den Jahren 1932 und 1933 kandidierte sie für die SPD im Reichstag und machte sich für frauenpolitische Themen und die Abrüstung stark. Die Kommunalwahl am 14. März 1933 brachte für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) die Mehrheit. In der Folge wurden in der Stadtverwaltung Hannover andersdenkende Personen entlassen, zu denen auch Ada Lessing gehörte. Mit einem offenen Brief verabschiedete sie sich von ihren Kolleginnen und Kollegen und ihren Hörerinnen und Hörern.
Die politischen Ereignisse im März 1933 zwangen die Familie zur Flucht aus Deutschland. Am 01. März 1933 floh zunächst Theodor Lessing in die Tschechoslowakei nach Marienbad. Ihm wurde eine Verhaftung angedroht, die Lehrbefähigung war ihm bereits entzogen worden. Doch auch Ada fühlte sich in Hannover nicht mehr sicher. Auf das Wohnhaus in Anderten wurden mehrfach Anschläge verübt, so dass sie zeitweise bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn Hein Gorny in der Südstadt wohnte. Im Juli 1933 floh auch sie in die Tschechoslowakei. Im August 1933 wurde Theodor Lessing die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, am 30. August 1933 wurde er Opfer eines nationalsozialistischen Anschlags. Ada fand ihren sterbenden Ehemann. Nach Theodor Lessings Tod bemühte sie sich um die Einrichtung eines „Theodor-Lessing-Fonds“, mit dessen Vermögen die Herausgabe der Schriften Ihres Mannes finanziert werden sollten.
Die nächsten Jahre verbrachte Ada in der Tschechoslowakei, da im Deutschen Reich wegen ihrer politischen Einstellung nach ihr gefahndet wurde. 1937 erhielt sie die tschechische Staatsbürgerschaft und floh nach Großbritannien. Dort arbeitete sie zunächst an einer internationalen Schule für Kinder von Emigrierten in Wales als Leiterin in der Hauswirtschaft, bis diese bei Kriegsbeginn geschlossen wurde. Sie siedelte auf eine Farm in Wales um, die sie zusammen mit drei englischen Kriegsdienstverweigerern bewirtschaftete.
Nach Kriegsende kehrte sie 1946 nach Hannover zurück. Eine Wiederaufnahme der Geschäftsführung der VHS wurde ihr nicht ermöglicht. Der niedersächsische Kultusminister Adolf Grimme berief sie 1947 als Beraterin für die von der britischen Besatzung geforderte „Teacher Reeducation“ und betraute sie mit dem Aufbau und der anschließenden Leitung des Lehrerfortbildungsheimes Schloss Schwöbber bei Hameln. Hierbei wurde sie von ihrer Tochter Ruth Gorny unterstützt, die später ihre Nachfolge antrat. Die Leitung des Lehrerfortbildungsheimes hatte Ada Lessing bis zu ihrem Tod 1953 inne. Bei der Kursgestaltung war es ihr wichtig, moderne und demokratische Methoden der Wissensvermittlung in Theorie und Praxis einzuführen.
Auch politisch engagierte sie sich wieder in der SPD: Vom 16. Juli 1951 bis zum 09. November 1952 saß sie als Mitglied des Wohlfahrts- und Gesundheitsausschusses im Kreistag in Hameln-Pyrmont.
Ihr Wiedergutmachungsantrag wurde posthum abgelehnt, sie erhielt eine kleine „jederzeit widerrufliche“ monatliche Unterstützung. Am 10. November 1953 starb Ada Lessing in Hameln an Krebs.
Das Lebenswerk Ada Lessings wird heute durch verschiedene Ehrungen gewürdigt: 1999 wurde die Hauptschule in Hannover-Bothfeld nach Ada Lessing benannt, 2006 erhielt die Volkshochschule Hannover den Namen „Ada- und Theodor-Lessing-Volkshochschule“. 2011 erfolgte die Verlegung von Stolpersteinen vor ihrem letzten freigewählten Wohnsitz in Hannover-Anderten Am Tiergarten 44.
2021 wurde eine hannoversche Straße in Ada-Lessing-Straße umbenannt. Im selben Jahr beschloss die Stadt Hameln den Namen „Ada-Lessing-Park“ für den zukünftigen Bildungs- und Gesundheitscampus.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
Informationen zum frauenORT Ada Lessing auf der
> Website der VHS Hannover.
Stadtspaziergang „Frauen, die sich trauen“
Vor 100 Jahren wurden die deutschen Frauen politisch mündig, sie durften wählen und konnten gewählt werden. Ada Lessing hatte den Mut, sie bewarb sich um ein Reichstagsmandat. Wussten Sie, dass die erste Person im Amt des Regierungspräsidenten in Hannover eine Frau war? Oder, dass der Besitz einer Bibel einer getaufte Jüdin im Konzentrationslager Halt bot? Auf diesem Spaziergang stellen die Gästeführer*innen von Stattreisen Hannover Frauen vor, die sich mutig verschiedenen Widrigkeiten stellten.
Alle Termine und Anmeldung: > www.stattreisen-hannover.de
oder Tel. 0511 169 4166
vorauss. ab Juni 2025: Gruppenführung „Ada Lessing"
Pionierin der deutschen Erwachsenenbildung; Mitgründerin und erste Geschäftsführerin der Volkshochschule Hannover Ada Lessing ist seit 2006 im Namen der Volkshochschule Hannovers präsent. Von den Orten, an denen sie in dieser Stadt gelebt und gearbeitet hat, liegen einige im Innenstadtbereich. Auf dm Spaziergang "Ada Lessing - Pionierin der deutschen Erwachsenenbildung und Kämpferin für das Frauenwahlrecht" spüren Gäste diesen Stellen ihrer Persönlichkeit und ihrem Wirken in der Volksbildung nach und lassen dabei Ada Lessing lebendig werden.
Dauer: ca. 1,5 Std.
Anmeldung: > www.stattreisen-hannover.de
oder Tel. 0511 169 4166
Programm der VHS
Jährliche Veranstaltungsreihe: "Was hätte Ada dazu gesagt? Ada X". Podiumsgespräche mit Expertinnen und Kulturprogramm
Kurse: "Lebe den Tanz" Ausdruckstanzen nach Mary Wigman für Anfänger*innen, regelmäßige Angebote
Sonderveranstaltungen: Workshops, Kultur, Geschichte, Gestaltung, u.a. Angebote zu Ada Lessing und anderen hannoverschen Frauen
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Der frauenORT Ada Lessing ist eine Kooperation mit der Landeshauptstadt Hannover / Fachbereich Ada-und-Theoder-Lessing-Volkshochschule Hannover und wurde im September 2019 eröffnet.